Gicht, die vermeintliche Wohlstandskrankheit?

Gicht wird oft mit Völlerei und fehlender Selbstkontrolle in Verbindung gebracht. Sie gilt als typische Wohlstandskrankheit. Dabei greift diese Einordnung zu kurz, es spielen verschiedene Musiker beim Tanz der Gichtfüße mit.

„Les caprices de la goute, ballet arthritique“. Karikatur. Großbritannien, 1783. Library of Congress, Public Domain.

„Les caprices de la goute, ballet arthritique“. Karikatur. Großbritannien, 1783. Library of Congress, Public Domain.

Gichtanfälle treten bei Ablagerungen von Harnsäurekristallen in Gelenken und Gewebe auf. Diese entzünden dann recht schnell, und fast immer sehr dramatisch – Gichtschübe sind in den Top–10 der schmerzhaftesten Akut-Erkrankungen. Betroffen sind häufig die Gelenke der großen Zehen, aber auch Ellenbogen und Handgelenke finden sich oft in Arztpraxen. Theoretisch kann’s aber jedes Gelenk treffen. Und das unbehandelt schon mal zwei, drei Wochen lang. Uncool.

Ein Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Harnsäurespiegels (Hyperurikämie) und Gicht gilt als gesichert. Ein Bindeglied dafür sind die Purine, Nukleinsäuren, die der Körper einerseits selbst herstellt, andererseits in vielen Lebensmitteln zu finden sind.

Die Gründe für eine spontan überhöhte Harnsäure-Konzentration liegen also auf den ersten Blick bei der Ernährung: Konsumiert man zu oft und zu viel purinreiche Nahrung, tut’s aua, denn der Körper macht ja schon selbst welches. Relativ viel Purin findet sich in alkoholischen Getränken, besonders Bier; aber auch Fleischextrakten für Saucen, rotem Fleisch, Fisch und einem ganzen Haufen Gemüse und Früchten. Assoziationen mit Festessen, meist von älteren Herren mit geröteten Nasen, liegen also nahe.

Aber hier hört’s schon auf mit der „Wohlstandskrankheit“: Die Konzentration der Harnsäure hängt auch entscheidend vom Zustand der Nieren ab. Hyperurikämie kann verschiedene Ursachen haben; neben dem kurzzeitig zugeführten Fremd-Purin auch Enzymdefekt, Niereninsuffizienz, Medikamente und gar Leukämie. Kurz: Alles, was die Nieren zusätzlich beschäftigt oder schwächt kann indirekt zu einem Gichtschub führen, ganz ohne Saufgelage, aber abhängig von der Gesamtkonstitution.

Das heißt einerseits fürs Arztpersonal: Kommt wer mit einem dicken Fuß, besonders in jungen Jahren, ist auch großes Blutbild und ein Nieren-Sonogramm fällig. Und für die Angehörigen, Freunde und Bekannten heißt das andererseits: Nein, der muss sich nicht unbedingt ausschließlich von Steak-and-Kidney-Pie und Bier ernähren, um sporadisch Gichtschübe abzubekommen.

Es ist gar nicht so einfach, sich purinarm zu ernähren, um das Risiko für einen Schub nicht noch zusätzlich hochzuschrauben. Linsen enthalten reichlich Purin – wie praktisch alle Hülsenfrüchte, also auch Erbsen, Mungbohnen und Erdnüsse. Hühnchenfleisch ist purinarm, die Haut aber voll mit. Weißwein ist grenzwertig, Champagner je mehr sec desto aïe. Bier ist nicht per se schlecht, es hängt davon ab, aus welchem Getreide das Malz geschrotet wurde und wie es zubereitet wird. Entsprechend gibt es zwar unzählige Purintabellen im Internet, aber allgemein gültig sind sie genau so wenig wie die in seriöseren Nahrungsmittel-Ratgebern.

Denn: Die individuelle Dosis macht’s aus; komplett auf Purine zu verzichten ist fast unmöglich. Nimm z.B. einem Veganer seine Linsen weg und und das nächste, was dick anschwillt, ist dein Auge. Mein Tipp als Betroffener – reichlich Wasser trinken, besonders zu alkoholischen Getränken, aber auch einfach so. Selbstverständlich gilt: Nicht ständig übertreiben, egal ob es um Bier, Zürcher Geschnetzeltes oder Linsencurry geht. Wer es ganz penibel machen will sollte sich ein Nahrungs-Tagebuch anlegen und sein Essen dokumentieren. Dann merkt man schnell, bei welchen Nahrungsmitteln die Gicht-Wahrscheinlichkeit persönlich gestiegen ist. Da hat Food-Porn auf Instagram doch mal einen Nutzen.

Es ist also nicht die mit Wohlstand konnotierte Völlerei das eigentliche Problem – sondern die Kombination aus Ernährung, Nahrungsmittelangebot, genetischer Veranlagung, Flüssigkeitshaushalt, Fettleibigkeit und etwaigen Erkrankungen, die Nierenfunktion oder Purinstoffwechsel stören. Und diese Kombination ist in unserer Zivilisation sehr viel leichter zu befriedigen als damals, als wir nur Kartoffeln und Wasser zu uns nahmen und mit 30 die Radieschen von unten betrachteten. Die haben übrigens einen gleich hohen Puringehalt pro 100g wie ein Jevers. Cheerio!

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3 Gedanken zu „Gicht, die vermeintliche Wohlstandskrankheit?

  1. dagmar

    guter artikel und auch gute illustration dazu =) wie sollte man sich denn nun ganz konkret ernähren, um gicht zu vermeiden? wenig fleisch auf jede nfall. aber wenn gemüse auch nicht insgesamt zu empfehlen ist, was bleibt dann noch ?

    Antwort
    1. nggalai Autor

      Die Frage lässt sich nicht leicht beantworten – wie im Artikel geschrieben hängt es auch davon ab, weshalb man denn genau einen Gichtanfall hat(te). Purinarme Ernährung kann helfen, muss sie aber nicht.

      Im Idealfall klärt man das mit seinem Arzt, oder lässt sich zu einem Ernährungsspezialisten überweisen. Bei mir ist es so, dass ich mit Innereien am meisten Mühe habe (die sind auch sehr Purinreich), gefolgt von Linsen. Bier vertrage ich gut, aber nicht, wenn ich ein Bier zum Steak trinke. Weißwein ist grenzwertig.

      Was mir hilft ist, reichlich Wasser zu trinken, so gehen dann meistens auch „geladenere“ Lebensmittel. Reichlich heißt für mich: So 2-3 Liter am Tag müssen schon sein, bei einem Essen zu zweit geht gut noch ein Liter rein. Das hat natürlich nur dann Sinn, wenn die Nieren in Ordnung sind – die Harnsäurenkonzentration ist das Problem, und die kann auch ansteigen, wenn eine Niere nicht ganz so gut tut wie sie sollte. Dann noch großartig Wasser rein ändert gar nichts.

      Wie im Artikel beschrieben ist es eine individuelle Sache mit der Ernährung. Um Trial-and-Error und ein Gespräch mit dem Arzt wird man nicht rumkommen.

      Danke schön fürs Kompliment! Freut mich, wenn der Text gefällt.

      Antwort
      1. nggalai Autor

        Nachtrag: Aufpassen sollte man gegebenenfalls auch bei Medikamenten. z.B. Aspirin respektive die Generika davon können einen Gichtschub verschlimmern oder gar auslösen.

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