Vermeidung, und Hueresiech.

Etwas vom ersten, was Rheuma-Geplagte lernen, ist: Unnötiges reduzieren. Oft versuchen wir, Dinge mit Hilfsmitteln einfacher zu gestalten, aber der Königsweg der Einfachheit heißt: Vermeidung. Und das ist meistens auch ganz vernünftig.

Wenn man gerade nicht gut zu Fuß ist, liegt es nur nahe, dass man seine Perambulationen reduziert. Kaum jemand käme auf die Idee, mit einem Bein im Gips oder einer Raucherlunge den Säntis zu besteigen. Rheuma-Patienten finden es in etwa gleich ungeil, unter Zeitdruck ein paar hundert Meter am Gleis rumzuhumpeln, weil eine Computerstimme mit „Dieser Zug fährt in veränderter Formation“ aus den Lautsprechern dröhnt. Betroffene werden automatisch, ohne zu viel Hirnschmalz darauf zu vergeuden, ihre Wege und Abläufe optimieren. Und solche Einschnitte ins Geplante mehr oder weniger gefasst zur Kenntnis nehmen.

Menschen mit wiederkehrenden, akuten Rheuma-Schüben agieren hier ähnlich wie Rollstuhlfahrer_innen oder chronische Schmerzpatienten: Tut weh, kenne ich, also plane ich. Wie komme ich mit möglichst wenigen Schritten durch Denner, Migros und dann zur Bushaltestelle? In welcher Reihenfolge erledige ich die Hausarbeit, um meinen angeschwollenen Ellenbogen nicht übermäßig zu strapazieren? Wie sollte ein Arbeitsplatz beschaffen sein, dass ich mich bei einem Schmerzschub erholen kann?

Hier zeigen sich leider sowohl der Zufall als auch Arbeitgeber und Architekten oft nicht sonderlich kooperativ. Mein aktuelles Hass-Beispiel ist der Migros-Supermarkt in Weinfelden. Früher: Rolltreppen zum Non-Food-Sortiment, Lebensmittel ebenerdig. Heute? Unten „Elektronik“ sowie Restaurant, und eine breite Treppe, also mit nur einseitig erreichbarem Geländer, zu den Lebensmitteln. Es gibt zwei Aufzüge, aber die führen auch in die einzige Tiefgarage der Innenstadt, sind also ständig in Betrieb und damit nicht wirklich verfügbar.

Sowohl Architekt als auch Bauleiter haben die gesetzlichen Auflagen erfüllt: Man kommt sogar mit Rollstuhl ins Geschäft, muss halt ein wenig warten, also alles okay. Aber die Verantwortlichen mussten wohl noch nie mit Einkaufstasche und Krückstock zuerst eine Treppe hoch, dann einen optimal aufs Marketing abgestimmten Verkaufsraum durchqueren – also: lange Wege mit vielen Regalen, die Spontankäufe triggern sollen – und dann wieder eine Treppe runterhumpeln, jetzt auch noch mit dem Einkauf beladen. Oder alternativ auf einen Aufzug warten, den marketingoptimierten Verkaufsraum durchwandern, um dann wieder auf den Aufzug zu warten, während man möglichst schnell heim zu hochgelagerten Beinen und Schmerzmitteln will.

Meine Vermeidungsstrategie heißt hier: Ich kaufe dort nur ein, wenn’s nicht anders geht. Das kann nicht im Sinne der Migros sein, aber sorry, bei mir hat hier der Arthritis-Schub die zählende Stimme. Und ich bin 37 Jahre alt, wie sieht das erst bei den ü80ern aus?

Aber ich schweife ab.

Man vermeidet instinktiv lange Wege und Aktionen, die einem gerade weh tun. Logisch. Ich freue mich über Hilfsmittel wie Bobbel, die man auf Schraubverschlüsse stecken kann, um eine Flasche doch noch aufzubekommen. Ich freue mich darüber, wenn der Winterdienst die Gehwege einigermaßen eisfrei hält (huhu, Weinfelden!). Ich freue mich darüber, wenn ich keine Pinzette brauche, um meinen Taschenaschenbecher zu öffnen.

Aber prinzipiell, automatisch, vermeide ich Situationen, die mich in eine schmerzhaft-unangenehme Situation bringen könnten. Was auch heißt, dass mich Bekannte manchmal als ein wenig sehr analfixiert wahrnehmen. Der ideale Ablauf ist vorgegeben, aus Eigenschutz halte ich mich auch daran. Logisch, dass ich dann nicht wirklich locker-flockig reagiere, wenn jemand ein anderes Lokal am anderen Ende der Stadt vorschlägt, oder besagter Zug an einem anderen Perron steht als, nun ja, ich es tue.

Vermeidungstaktiken sind also körperlich, schmerztechnisch, sinnvoll: Man vermeidet weitere Pein. Aber psychisch, sozial? Da erscheint man schnell, zu schnell, als Sonderling. Mein Ratschlag ist also: abwägen. Das Aua mag vorgehen, ja. Aber das damit verbundene Gefluche kann dafür sorgen, dass man aus sozialen Gruppen ausgeschlossen wird, zumindest als „eigenartig“ eingestuft wird. Das ist oft kontraproduktiv.

Also: Fluchen und Zetern? Gerne! Aber dann dort, wo es etwas bewirkt. Und nicht das engste Umfeld zu sehr damit belasten, denn dieses wird früher oder später ablehnend reagieren. Inklusion heißt nicht, dass alles nach der eigenen Pfeife tanzt – sondern dass man Teil einer Gemeinschaft ist. Zu viele Hueresiech sind hier nicht nützlich. Zu wenige jedoch? Genau so wenig.

Werbeanzeigen

2 Gedanken zu „Vermeidung, und Hueresiech.

  1. dagmar

    schön, dass auf die alltäglichen beschwerden von rheumapatienten mal aufmerksam gemacht wird! ich selbst bin als anfang 40-jährige auch schon betroffen und muss leider feststellen, dass im alltag auch die mitmenschen wenig rücksicht nehmen und oft sogar mit unverständnis begegnen. ich habe hier noch einen artikel zum thema rheuma-schmerzen speziell im frühling
    http://fitness-vitamine.de/tipps-gegen-rheuma-schmerzen-im-fruehling/.
    vllt. ist er ja von interesse?

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s