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»Das Monster in der Ampulle«, oder der Elefant im Raum.

Im gestrigen Tages-Anzeiger erzählt Michèle Binswanger von Opiaten, Sucht, einer Betroffenen und deren gerichtlichen Streitfall. Vergisst dabei aber das Kernproblem: Schmerzen tun weh.

Was mir als Schmerzpatient in Binswangers durchaus lesenwerten Artikel fehlt ist eine Betrachtung, in wiefern Schmerz als solcher mit in ein etwaiges vorhandenes Suchtverhalten reinspielt. Man sieht es den beliebtesten Kommentaren an; »Hätte halt die Packungsbeilage lesen sollen« und »Pharmalobby!!!!« etc.. Das lässt sich leicht sagen, zielt aber am einfachen Fakt vorbei – dass es halt so oder so weh tut. Selbst wenn Ärzte und Ärztinnen Analgetika zu leichtfertig verschreiben sollten, sie machen das nicht ohne Grund.

Wenn die anonymisierte Patientin Pethidin bekommen hat, dann sprechen wir von HEFTIGEN Schmerzen. Pethidin ist noch nicht auf Morphin-Niveau, aber es ist keine Substanz, die man ohne wirklich guten Grund verschreiben würde. Für Film-Fans vielleicht als Hinweis – das ist das Zeugs, das in US-Arzt-Serien immer »Demerol« genannt wird. Das bekommt man nicht einfach so, weil man mal ein bisserl Aua hat.

Wie gesagt, Binswangers Artikel ist durchaus lesenswert. Aber mir ist der Effekt des Textes zu polarisierend: Die einen Leser werden den »bösen Ärzten« und der »Pharmalobby« die Schuld zuschieben, die anderen der »unmündigen Frau«, die »selbst Schuld« sei. Ausgeblendet wird dabei der Leidensdruck von Betroffenen. Wenn jemand so starke Schmerzen hat, dass Opioide angezeigt sind, dann haben weder der Arzt noch die Patientin groß eine andere Wahl: der Schmerz muss weg.

Wenn es im Verlauf der Therapie in eine Sucht abgleiten sollte ist das selbstverständlich schlecht, aber wie kann hier im Alltag gegengewirkt werden? Es gibt keine Schmerzmessgeräte, Ärzte können also nur aufgrund der Schilderung der Patienten und eigenen Erfahrungswerten aus der Praxis einschätzen, was angesagt wäre. Das bedingt, dass die Patienten ehrlich sind – was bei jemandem mit einer Suchterkrankung ein ganz klein wenig schwierig wird. Wir haben keine zentralen Apotheken- oder Patienten-Register; woher soll ein Arzt wissen, ob der Patient sich nicht bei drei anderen Ärztinnen mit den Medis eindeckt? Soll er grundsätzlich skeptisch sein, und gegebenenfalls unterversorgte Patienten in Kauf nehmen?

Eine einfache Antwort auf die Frage, wer Schuld an einer solchen Suchtentwicklung hat, gibt es nicht. Es ist für mich fraglich, ob überhaupt eine »Schuld« existiert, oder ob das in die Kategorie »dumm gelaufen« gehört. Ich kenne die im Artikel erwähnte Begründung des Bundesgerichts, das Verfahren abzulehnen, nicht. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es in diese Richtung gehen würde.

Kurz: Für einen Artikel über starke Analgetika (das hyperbolische »Monster in der Ampulle«) fehlt mir überraschend viel zum Thema: Schmerzen.

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Von Gesundheitskosten und (deren) Folgen.

Ja, ich »darf« alle zwei, drei Jahre ein Leber-Sonogramm über mich ergehen lassen. Und das kostet. Aber kostet es die Krankenkassen mehr, als wenn ich es bleiben lassen und mich schmerztechnisch »zusammenreißen« würde?

Streckbett. Kupferstich, ca.1700. Gemeinfrei.

Streckbett. Kupferstich, ca.1700. Gemeinfrei.

Die Mehrzahl der üblichen Analgetika schlagen sich auf der Leber nieder. Das ist einer der Gründe, weshalb in so ziemlich allen Beipackzetteln etwas steht à la »Alkoholiker nur unter engmaschiger medizinischer Begleitung!!!«, selbst bei rezeptfreien Medikamenten. Wenn man die Aufgaben der Leber versteht, respektive weshalb sich so ein recht hässliches Organ in den Körpern vornehmlich von Säugetieren herangebildet hat, ist das kein Wunder: Das Dingens ist eine Kläranlage gegen Giftstoffe. Wozu aus Sicht des Organismus neben Alkohol eben auch viele Medikamente gehören. So lange wir keine Gentherapien gegen Erkrankungen von Depression über Schizophrenie bis Krebs und eben auch: Schmerzerkrankungen wie Rheuma haben, wird die Leber bei den potenteren Mitteln automatisch zu rackern beginnen. Und je nach Veranlagung und Glück/Pech auch selbst krank werden.

1x Leber-»Screening« kostet in meinem Kanton mehr, als viele Leute meines Alters über ein Jahrzehnt bei der Hausärztin liegen lassen. Ich drücke also die Gesundheitskosten hoch! Obwohl ich das die letzten zwanzig Jahre wie den Rest meiner Behandlungen immer selbst zahlen durfte, da Franchise nicht voll, aber egal: Es kostet! Ist das wirklich nötig?!

Unterm Strich ja. Denn die Ärztinnen und Ärzte haben drei Möglichkeiten:

  1. Ein Auge auf mögliche krankhafte Veränderungen bestimmter Organe zu werfen, um frühzeitig darauf reagieren zu können.
  2. Alleinig aufs Schmerzempfinden der Patienten zu hören und einfach Rezepte zu zeichnen, wenn jemand jammert.
  3. Besagtes Schmerzempfinden mit eigenen beruflichen Erfahrungen abzugleichen und Medikamente unterzudosieren oder gar zu verweigern.

Den zwei letzten Ansätzen gemein ist: zieht sich die Situation hin, kann man fast nur verlieren, auf Niveau »Gesundheitskosten« und noch viel mehr als Betroffener. Wenn Schmerzen psychosomatisch sind, bringt es auf Dauer wenig, wenn man Morphine verschreibt. Sind sie es nicht, bringt es genau so wenig, wenn man die Betroffenen zudröhnt und nicht überwacht, oder wenn man ihr Leiden nach dem Motto »gehen Sie mal auf eine Krebsstation, DA sehen Sie ECHTES Leiden« herunterspielt. Alles Extremfälle natürlich, als Illustration. Die Bandbreite ist, nun ja, breit.

Ironischerweise ist heutzutage die längerfristig kostengünstigste und für Betroffene angenehmere Lösung: Den Patienten auch diagnostisch zu begleiten. Selbst wenn die Überprüfungen mehr kosten als die gesamte Medikation für mehrere Jahre. Aber um bei meinem Beispiel zu bleiben: Schmerzmittel über ein Jahrzehnt incl. alle zwei Jahre Lebertests sind »billiger« als eine Lebertransplantation, weil man die Kosten einer regelmäßigen Kontrolle gescheut hat. Wobei sich hier die Frage stellt: Wer scheut die Kosten?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass manchen Parteien im Schweizer Parlament die Gesundheitskosten ein Dorn im Auge sind. Denn wegen etwaigen enormen Aufwendungen, die anfallen könnten, muss das Solidaritätsprinzip greifen. Besagte Lebertransplantation könnte der Durchschnittsschweizer kaum aus der eigenen Tasche zahlen, genau so wenig wie seine eigene spätere Demenzbetreuung, oder nur schon einen stationären Aufenthalt »weil man sicher gehen will«. Im letzten Fall sprechen wir von mehreren Tausend Franken pro zwei, drei Tage. Zahlbar innerhalb von 30 Tagen. Viel Spaß.

Ist das schlimm? Zahlen wir als »Allgemeinheit« zu viel? Werden zu viele Diagnoseschritte vorgenommen, das MRI häufiger angeworfen als absolut nötig? Natürlich. Denn neben etwaigen Kosten haben auch die Patienten Interesse daran. Wenn noch vor ein paar Jahrzehnten für einen möglicherweise verstauchten Fuß ein Paar Künzli-Schuhe und Abwarten gereicht haben, wollen Leute heute ein MRI, um abzuklären, ob da was komplett kaputtgegangen sein könnte. Anders rum werden Gallenblasen minimalinvasiv operiert, damit die Patientin nach zwei, drei Tagen wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden kann. Menschen mit Dauerrezepten für Schmerzmittel und Psychopharmaka werden zum Internisten zwecks Leberabklärung geschickt. Und ja, das kostet. Natürlich.

Aber was wäre die Alternative? Geld gespart bei den Abklärungen und angenehmeren Therapien, dafür wird jemand zum Langzeitpflegefall und kostet noch viel mehr? Oder man klappt zusammen und braucht eine neue Leber, obwohl man Antialkoholiker ist? Oder man kann wegen der Rückenschmerzen nicht mehr genug Leistung bringen und verliert den Job? Oder man fängt sich mit der großen Bauchwunde einen so genannten »Krankenhausinfekt« eher ein als wenn teurer minimalinvasiv gearbeitet worden wäre?

… und dann bleibt da noch der Punkt der Lebensqualität der Betroffenen, ganz abseits etwaiger Kosten. Denn darum sollte es beim Gesundheitswesen doch gehen, oder? Die Gesundheit der Betroffenen?

Was ist besser: Jeden Morgen wie Dr. House im Spiegel nachschauen, ob sich schon ein Ikterus unterm Augenlied oder Zahnfleisch versteckt? Oder Zähne zusammenbeißen und die Schmerzen zu ignorieren versuchen, und dabei im Beruf wegen weniger »Leistung« auf der nächsten Abschuss- Reorganisations-Liste eine Top-Position einnehmen?

Oder die möglichen Folgen aktiv im Auge behalten? Und etwaige Folgeerkrankungen so vermeiden versuchen?

Logisch trifft es nicht jeden. Es gibt hundertjährige Kettenraucher genau so wie Menschen, die sich seit Jahrzehnten jeden Morgen ein Aspirin reinpfeifen, ohne an Magengeschwüren zu erkranken. Aber wenn nicht? Dann wird’s nicht nur teuer für das »Gesundheitswesen«. Sondern vor allem unangenehm bis tödlich für die Betroffenen.

Rheuma in jungen Jahren: Eine persönliche Bestandesaufnahme.

Ich werde oft gefragt, wie ich denn mit 38 Jahren rheumatische Arthritis haben könne. »Rheuma, Arthritis, Gicht, das sind Dinge für alte Menschen!« Nein. Vielleicht hilft mein eigenes Beispiel, das Verständnis etwas zu erweitern.

Der Erni im Spanien-Urlaub. Irgendwann in den 80ern.

Der Erni im Spanien-Urlaub. Irgendwann in den 80ern.

Meine Familie ist recht entzündungs- und autoimmun-freudig. Auf der mütterlichen Seite haben bzw. hatten wir multiple Sklerose, »Alters-Rheuma« und Gicht, auf der väterlichen Ekzeme. Das erste Mal persönlich damit konfrontiert wurde ich als Teenager, gerade frisch im eigenartigen Land der Pubertät angekommen. Meine Gelenke knackten, waren oft heiß und schmerzten, besonders Finger und Knie waren betroffen. Meine Mutter brachte mich zum Orthopäden, der tippte auf Wachstumsschub und Hormonumstellung, stutzte aber bei den Bluttests. Die Entzündungswerte waren doch erstaunlich hoch für jemanden, der erst zehn Jahre später sein allererstes alkoholisches Getränk oder Schmerzmittel zu sich nehmen würde. Ich verstand kein Wort, aber damals war mir das auch egal. Denn:

Der Schmerz störte mich nicht einmal so sehr, ich konnte ihn gut ausblenden. Ich dachte: okay, so fühlt sich also ein jugendlicher Körper an. Ein bisserl Kacke, aber nun ja, ist halt so, kann ich ignorieren. Erklärt, weshalb so wenige Erwachsene auf Bäume klettern und im Bus griesgrämig drein gucken.

Der Orthopäde schrieb dann Jahre später zur Aushebung für die Rekrutenschule ein Gutachten. Ich weiß bis heute nicht, was da drin stand. Aber der prüfende Militärarzt hatte das Blatt vor sich, stutzte und blickte den 18jährigen Sascha skeptisch an. »Glauben Sie wirklich, dass SIE Militärdienst leisten können???« – »Kann ich nicht beantworten, habe ich noch nie gemacht.« – »Okay, untauglich.«

Meine 20er waren dann vergleichsweise ruhig. Ich schlug mich mehr mit Rücken und Psyche herum als mit meinen Gelenken. Dass ich zwischendurch schmerzende Finger, steife Knie und dicke Füße hatte fand ich normal, ein Nebenkriegsschauplatz. Kannte ich ja schon ein paar Jahre. Wichtiger waren mir Körperhaltung und gute Bürostühle. »Ich hab Rücken!«, der Spruch könnte auch von mir stammen. Ich wurde mit einer Skoliose geboren und mir war klar, dass ich da aufpassen musste. Der Orthopäde meinte lapidar, dass ich mit 30 ein Stützkorsett brauchen würde.

Dann kamen die 30er. Au Mann. Oder eher, aua Mann.

War nicht schön. Ich wusste nicht, was los war, wunderte mich darüber, dass andere in meinem Alter Joggen und Freeclimbing cool fanden – und das auch machen konnten. Irgendwann merkte ich, dass nicht diese Menschen die Ausnahme von der Regel waren, sondern ich. Das erste Mal beim Rheumatologen war ich mit 32 oder 33.

Es folgten einige Wohnort- und somit Apotheken- und Hausarztwechsel, und immer dieselben Diskussionen, sobald besagte Fachperson das erste Mal ein Blutbild bestellte oder meine Forderung an der Theke entgegen nahm. Nein, mein Gamma-GT war schon mit 12 auf dem Niveau, und damals trank ich noch keinen Alkohol. Nein, meine Leber ist gesund. Ja, das wird periodisch mit einem Sonogramm überprüft. Ja, die Familie ist vorbelastet. Nein, ich nehme keine illegalen Substanzen zu mir. Ja, wenn ich wegen Schmerzen komme tut’s wirklich weh und ist kein Jammern auf hohem Niveau. Ja, ich kenne das Medikament. Nein, rufen Sie meinen Rheumatologen an, wenn Sie mir nicht glauben.

Aber wenigstens nutze ich auch heute noch kein Korsett. Jedenfalls kein medizinisches. Aber ich schweife ab.

Punkt ist: es gibt auch Bivis, die sich mit rheumatischen Erkrankungen herumschlagen dürfen. Nicht nur Uhus. Diese beiden Begriffe habe ich heute von meinem ehemaligen Mathematik-Lehrer geschenkt bekommen: BIs-VIerzig, Unter-HUndert. Und es wäre verdammi nett, wenn die Öffentlichkeit – egal ob auf Niveau Versicherungen, Ärzte, Apotheken oder Mitleser – das wahrnehmen würde. Und akzeptieren? Ja, das wäre dann wirklich … nett.

Umgekehrte Simulanten, oder: Schmerz im Job – und nu?

Heute hätte ein Manuskript überarbeitet werden müssen, aber dann kam der Rheuma-Schub. Wie geht man im Beruf mit Schmerzattacken um? Ich meine: ehrlich und direkt, alles andere ist kontraproduktiv.

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Das Projekt ist toll durchgeplant, mit fixen Deadlines und x Leuten, die auf das Material warten. Man ist ein Rädchen im Gesamten, als Angestellter oft gepaart mit festen Präsenzzeiten. Aber dann meint der Körper, beziehungsweise dessen Entzündungswerte: Party! und man greift zum Tramadol, und grinst ein bisserl, weil die Haare im Gesicht kitzeln und der Schattenwurf an der Wand so unglaublich interessant ist.

Für Schmerzpatienten ist das (hoffentlich) nicht Daily Business, aber ein immer wiederkehrender Besucher. Wie geht man damit um? Das Team wartet; Arbeitgeber, Kunde, Verlag sind auf dich angewiesen! Reiß dich zusammen!

Zusammenreißen geht schlecht: Man kann Funktionieren zwar simulieren, aber weder ist es einer schnellen Rekuperation noch der Teamarbeit förderlich. Entweder leistet man weniger, weil der Schmerz ablenkt, oder man ist breit wegen den Schmerzmitteln. Manchmal auch gleich beides zugleich. Das einzige, was funktioniert, wäre Erholung, Abwarten, Runterfahren. Aber hier stößt man oft auf Unverständnis.

In einer Zeit, in der die Invalidenversicherung der Schweiz Schmerzpatienten »eingliedern« soll – also aus der (Teil-) Rente entlassen muss – und das Bundesgericht auf einen Schlag einen Haufen Schmerz-Leiden als »überwindbar« klassifiziert, ist klar: man muss leisten. Zumindest dann, wenn das Leiden nicht deutlich sichtbar ist. Fehlende Gliedmaßen würden zwar das Misstrauen entschärfen, aber der Griff zur Stichsäge kann’s auch nicht sein.

Es wird immer von »Eigenverantwortung« gesprochen. Dem stimme ich zu und schlage vor: Ja, ergreift diese Eigenverantwortung! Achtet auf Euch! Ihr könnt nix dafür, dass sich die Schmerzskala gerade auf einer 9 einpendelt. Selbst wenn ihr direkt dafür verantwortlich wäret, zum Beispiel weil ihr mit der Stichsäge hantiert habt – und nu? Es tut trotzdem weh und ihr seid trotzdem nur beschränkt arbeitsfähig. Da helfen das beste Make-up und der smarteste Anzug nichts.

Das heißt auch, dass man sich nicht verstellt, sondern klipp und klar sagt – »Geht nicht. Sorry, frag mich in zwei Stunden nochmals, wenn / falls ich wieder klar denken kann.« Es ist niemandem gedient, wenn man zugedröhnt einen Kran führt oder die Aktionärsversammlung leitet: Weder dem Arbeitgeber, noch dem Team, noch den Versicherungen oder gar den Steuerzahlern. Wenn’s nicht geht, geht’s nicht. Und da müssen Betroffene Klartext reden.

Nur wenn Schmerzleute ihre Grenzen akzeptieren und kommunizieren wird auch beim Team, Arbeitgeber, Kunden, Verlag Verständnis oder gar Nachvollziehbarkeit erst ermöglicht. Und das geht nur mit Eigenverantwortung und Offenheit. Wer sich verstellt, seine Leiden verleugnet, mag eine Weile in der Menge untergehen, nicht Weiters auffallen. Stigmatisiert aber damit diejenigen Leute, denen ein solches Untertauchen nicht mehr möglich ist – sie werden ausgegliedert, denn »der Horst aus Abteilung X hat auch Rücken, der stellt sich nicht so an, Du bist doch nur faul«.

Natürlich sind hier auch Politik und Gesellschaft gefragt. Aber wohin diese Reise führt sehen wir täglich in Zeitungsberichten oder, gegebenenfalls, in den Schreiben der Ausgleichskassen und in Abstimmungsergebnissen. Versteckt man sich, wird man nicht wahrgenommen. Und ohne Wahrnehmung wird das Problem auch nicht angegangen – wozu auch? Der Horst auf Abteilung X hat ja auch Rücken …

Ich selbst? Ich habe heute meinem Lektor eine Mail geschickt und die Situation, im Rahmen des mir kognitiv Möglichen, erklärt und eine Verschiebung um ein paar Stunden vorgeschlagen. Kein Problem. Aber ohne diese Offenheit hätte ich entweder den Termin verhauen oder schlechte Ergebnisse geliefert – für mich peinlich, fürs Lektorat ärgerlich. So war uns beiden gedient: Ich konnte noch zwei Stunden über Kreise mit 400° Innenwinkel nachdenken, der Lektor andere Bücher einen Tag vorziehen. Win-win.

Apothekenscharmützel, Teil 2.

Apotheke aus Konrad von Ammenhausen: Schachzabelbuch, Stuttgart, Landesbibl., Cod. poet. et phil. 2° 2. Gemeinfrei.

Apotheke aus Konrad von Ammenhausen: Schachzabelbuch, Stuttgart, Landesbibl., Cod. poet. et phil. 2° 2. Gemeinfrei.

Es kann auch ganz anders laufen – Apothekenmitarbeitende sind manchmal durchaus pragmatisch. Es zeigt sich, dass es an der Persönlichkeit liegt, ob man einen Dealer oder Patienten vor sich stehen sieht. Und eventuell auch daran, wo genau man arbeitet.

Vor geraumer Zeit berichtete ich über meine eher negativen Erfahrungen mit Apothekenverkäufer_innen. Ich glaube, es ist an der Zeit, eine Lanze zu brechen für die konstruktiven, hilfsbereiten und freundlichen Mitarbeitenden, die sich ebenfalls in diesem Geschäftsfeld bewegen. Wenn auch vorwiegend in inhabergeführten Apotheken, nicht Ladenketten – aber ich schweife ab.

Ja, es gibt sie: Die Menschen, die ihren Job ernst nehmen und sich auf den Kunden einstellen. Die Betroffene nicht unter den Generalverdacht des Medikamentenmissbrauchs stellen, nur weil sie sich wiederholt rezeptfreie Medikamente kaufen – oder alternativ versuchen, »Alternativen« für ein Heidengeld an leidende Kunden zu verscherbeln. Menschen, die sogar noch nachfragen. Die letzten Wochen gehört, von verschiedenen Mitarbeitenden in verschiedenen Apotheken:

»Kennen Sie Produkt XY? Ist derselbe Wirkstoff, den sie jetzt nehmen, aber so bekömmlicher für die Magenschleimhaut.«

»Ihr Gehstock scheint mir ein wenig zu lang zu sein. Haben Sie fünf Minuten Zeit? Dann passe ich den gerne frisch an.«

»Ah, Sie kennen das Medikament. Gut! Haben Sie auch einen Protonenpumpenhemmer als Magenschutz? Viele Ärzte vergessen das leider immer wieder.«

… und so weiter, und so fort.

Ja, es gibt sie, die aufmerksamen Apotheken-Leute. Diejenigen, die eine Situation einschätzen können – und wenn nicht, dann eben: nachfragen. Und nein, diese Erlebnisse sind nicht von Verkaufszwang geprägt; die Stockkürzerei zum Beispiel (die übrigens sehr gelegen kam) geschah kostenlos. Kundenbindung scheint solchen Apotheker_innen wichtiger als die abgesetzten »Anti-Rheuma-Kapseln (garantiert natürlich)«, die mir andere schon so oft andrehen wollten. Zu oft.

Also breche ich eine Lanze. Und wenn ich mir die Situationen nochmals ins Gedächtnis rufe, dann muss ich mich korrigieren: Es ist nicht nur eine Lanze für vernünftige Menschen. Es ist auch durchaus eine Lanze für Apotheken, die sich der Kettenbildung verweigern konnten, die Wert auf längerfristige Kundenverhältnisse und stabile Mitarbeiterverträge legen. Unternehmer und Unternehmerinnen, die verstanden haben: In Zeiten von Internet-Versand und Grenzgänger-Shopping verkauft eine Apotheke keine Präparate. Sondern eine durchaus geschätzte Dienstleistung.

Knüppel zwischen die Beine, oder: Exklusion durch Klischees in den Medien.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Menschen mit Behinderungen stehen in der Öffentlichkeit schnell unter Verdacht: Sind sie wirklich geschädigt, oder sind sie nur faul? Schwierig haben es Personen, denen man die Behinderung nicht ansieht. Auch, weil Journalisten kaum passende Symbolfotos zeigen mögen.

Um eines Vorweg zu nehmen: Ich unterstelle dem Großteil der Medienlandschaft nicht, Propaganda zu betreiben. Was ich vielen Nachrichtengefäßen aber gerne unterstelle ist eine gewisse Bequemlichkeit und damit ein Festhalten an Klischees, die sich fürs Bewirtschaften der Aufmerksamkeit und damit das Festigen der öffentlichen Meinung bewährt haben.

Als leider typisches Beispiel sei dieser Artikel im „Politblog“ genannt, erschienen unter anderem in der Online-Ausgabe des „Tagesanzeigers“. Thema: Kürzungen von Renten der Schweizer Invalidenversicherung (IV) und Integration in den Arbeitsmarkt. Symbolbild: Eine lächelnde, nähende Frau mit Trisomie–21. Bildunterschrift: „Arbeiten muss für behinderte Personen finanziell attraktiv sein.“ Studiert man aber die offiziellen Zahlen des Bundes, werden schnell drei Dinge klar:

  1. Die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz eine IV-Leistung beziehen zu müssen, steigt mit dem Alter. Dramatisch ist der Anstieg in der Altersgruppe über 55 Jahre. Menschen mit Down-Syndrom haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur rund 60 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung, total, liegt in der Schweiz zur Zeit bei ca. 88 Jahren.
  2. Für die Gruppe der über–40jährigen, und damit die meisten Betroffenen, sieht das Gesetz eine Eingliederung in die Arbeitswelt nur dann vor, wenn es therapeutisch wirken könnte. Eine Eingliederung in den primären Arbeitsmarkt gilt besonders im mittleren und höheren Alter als wenig erfolgsversprechend.
  3. Die mit Abstand häufigste Ursache, um Leistungen der Invalidenversicherung zu beantragen und zu erhalten, ist die Triade aus psychischen Krankheiten, Erkrankungen des Nervensystems sowie, und deshalb bringe ich das in diesem Blog – Erkrankungen von „Knochen- und Bewegungsorganen“. Letztere treten mit steigendem Alter immer wahrscheinlicher auf, sorgen damit am zweithäufigsten für einen IV-Antrag, führen aber auch am seltensten zu einer Vollrente.

(Quelle: Statistiken zur Sozialen Sicherheit: IV-Statistik 2011.)

Weshalb also genau dieses Symbolbild im Beispielartikel? Weshalb veröffentlicht man in praktisch allen Bildbeiträgen zu Invalidenthemen solche Menschen, denen man die Behinderung auf den ersten Blick ansieht? (Und dabei meistens etwas treudoof lächeln oder düster im Rollstuhl sitzen?) Der kleine Zyniker in mir hat eine einfache Erklärung:

Damit lässt sich die Story besser verkaufen. Und damit machen sich Medienschaffende das Leben zu einfach und sorgen für einigen Stress im Alltag. Die Leser lernen durch die dauernde Wiederholung: SO sehen „richtige“ Behinderte aus, SO benehmen sie sich. Man hat ja die Bilder und Filme gesehen, sogar in Unterhaltungs-Dokumentationen des Schweizer Fernsehens. Die sabbern oder sitzen im Rollstuhl oder können nicht ordentlich sprechen oder haben keine Arme oder sind halt „Downies“ … Hauptsache, es ist etwas Offensichtliches.

Also denken sich im Umkehrschluss zu viele Medienleute, dass nur solche Bilder vom Konsumenten verstanden werden. Die Aufgabe eines Symbolbildes ist es ja, dass auf einen Blick klar wird, worum es in einem Film- oder Textbeitrag geht. Hacker – schattenhafte Gestalt vor einem Computer. Kriminalitätsstatistik – Handschellen um gebräunte Handgelenke. Juveniler Alkoholismus – Partyfoto mit Schnapsflasche. Invalidenthema – Rollstuhl oder Kuschel-Behinderter.

Das Problem daran ist, dass ein immer wiederkehrender Einsatz dieser Klischees dazu führt, dass die tatsächlich Betroffenen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, zumindest Zweifel an der nicht-sichtbaren Krankheit oder Behinderung aufkommen. Das heißt auch, dass die Medien (unbeabsichtigt) daran mitarbeiten, dass diese Betroffenen nicht weiters ernst genommen und dadurch „exkludiert“ werden können:

„Reiß Dich mal zusammen.“

„Die Krücke ist ja affig. Bist Du unter die Hipster gegangen?“

„Wenn Du Stimmen hörst, dann schalt das Radio ab.“

„DU willst Autist sein? Kannst Du etwa so toll wie Rainman kopfrechnen? Nein? Sag ich doch.“

Bringt man immer dieselben Symbolbilder, immer dieselben Vorzeige-Behinderungen, geht der größte Teil der Betroffenen unter. Wie zum Beispiel die jüngeren Rheuma-Kranken – denn zu sehen bekommt man in Zeitung und TV fast nur Rentner mit Rollator, nicht die 40jährige Powerfrau mit Gehstock und Schmerzmitteln. Dr. House mochte zwar ein brillanter Arzt gewesen sein, aber das Drehbuch gab ihm auch eine Vicodin-Abhängigkeit und beißenden Zynismus mit. Wäre sonst ja langweilg, wenn er trotz Behinderung zu normal gewesen wäre.

Die Welt ist komplex, manchmal auch kompliziert. Oft muss ein Sachverhalt vereinfacht dargestellt werden, um Verständnis zu ermöglichen. Wenn aber Nachrichtensendungen und Zeitungsartikel mit ihren Bildbeiträgen ständig Klischees bedienen? Dann wird die Realität als solche simplifiziert. Und nach einer Weile glauben viele Menschen nur noch dieser vereinfachten Wirklichkeit, die Symbolbilder werden zum Faktum. Diejenigen, die nicht den so erzeugten „Fakten“ entsprechen, bleiben auf der Strecke. Und werden dann schon mal zu „Scheininvaliden und Sozialschmarotzern“ hochstilisiert. Was ja auch gut ins propagierte Weltbild mancher Presse-Erzeugnisse passt.

So kann Inklusion in unserer medialen Welt nicht gelingen. Künstliche Trennlinien zwischen „Inklusionswürdigen“ und „Simulanten“ aufgrund von leicht sichtbaren Gebrechen oder deren Fehlen widersprechen sowohl der Vernunft als auch der Realität. Und zu oft dem guten Geschmack. Wenn Redaktoren Artikel mit Hilfe dreifacher Chromosomen oder abgetrennter Gliedmaßen illustrieren, dann wollen sie vielleicht tatsächlich nur „deutlich“ oder „symbolisch“ sein. Aber oft werden die Medien dadurch populistisch und werfen so, unterm Strich, den sinnvollen Bestrebungen nach mehr Inklusion Knüppel zwischen die Beine.

Fast hätte ich „Krüppel“ geschrieben. Entschuldigung.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der #EinfachSein-Thementage über Behinderung, Gesellschaft und Medien. Das Programm der Thementage findet sich hier bei „Quergedachtes“.

Vermeidung, und Hueresiech.

Etwas vom ersten, was Rheuma-Geplagte lernen, ist: Unnötiges reduzieren. Oft versuchen wir, Dinge mit Hilfsmitteln einfacher zu gestalten, aber der Königsweg der Einfachheit heißt: Vermeidung. Und das ist meistens auch ganz vernünftig.

Wenn man gerade nicht gut zu Fuß ist, liegt es nur nahe, dass man seine Perambulationen reduziert. Kaum jemand käme auf die Idee, mit einem Bein im Gips oder einer Raucherlunge den Säntis zu besteigen. Rheuma-Patienten finden es in etwa gleich ungeil, unter Zeitdruck ein paar hundert Meter am Gleis rumzuhumpeln, weil eine Computerstimme mit „Dieser Zug fährt in veränderter Formation“ aus den Lautsprechern dröhnt. Betroffene werden automatisch, ohne zu viel Hirnschmalz darauf zu vergeuden, ihre Wege und Abläufe optimieren. Und solche Einschnitte ins Geplante mehr oder weniger gefasst zur Kenntnis nehmen.

Menschen mit wiederkehrenden, akuten Rheuma-Schüben agieren hier ähnlich wie Rollstuhlfahrer_innen oder chronische Schmerzpatienten: Tut weh, kenne ich, also plane ich. Wie komme ich mit möglichst wenigen Schritten durch Denner, Migros und dann zur Bushaltestelle? In welcher Reihenfolge erledige ich die Hausarbeit, um meinen angeschwollenen Ellenbogen nicht übermäßig zu strapazieren? Wie sollte ein Arbeitsplatz beschaffen sein, dass ich mich bei einem Schmerzschub erholen kann?

Hier zeigen sich leider sowohl der Zufall als auch Arbeitgeber und Architekten oft nicht sonderlich kooperativ. Mein aktuelles Hass-Beispiel ist der Migros-Supermarkt in Weinfelden. Früher: Rolltreppen zum Non-Food-Sortiment, Lebensmittel ebenerdig. Heute? Unten „Elektronik“ sowie Restaurant, und eine breite Treppe, also mit nur einseitig erreichbarem Geländer, zu den Lebensmitteln. Es gibt zwei Aufzüge, aber die führen auch in die einzige Tiefgarage der Innenstadt, sind also ständig in Betrieb und damit nicht wirklich verfügbar.

Sowohl Architekt als auch Bauleiter haben die gesetzlichen Auflagen erfüllt: Man kommt sogar mit Rollstuhl ins Geschäft, muss halt ein wenig warten, also alles okay. Aber die Verantwortlichen mussten wohl noch nie mit Einkaufstasche und Krückstock zuerst eine Treppe hoch, dann einen optimal aufs Marketing abgestimmten Verkaufsraum durchqueren – also: lange Wege mit vielen Regalen, die Spontankäufe triggern sollen – und dann wieder eine Treppe runterhumpeln, jetzt auch noch mit dem Einkauf beladen. Oder alternativ auf einen Aufzug warten, den marketingoptimierten Verkaufsraum durchwandern, um dann wieder auf den Aufzug zu warten, während man möglichst schnell heim zu hochgelagerten Beinen und Schmerzmitteln will.

Meine Vermeidungsstrategie heißt hier: Ich kaufe dort nur ein, wenn’s nicht anders geht. Das kann nicht im Sinne der Migros sein, aber sorry, bei mir hat hier der Arthritis-Schub die zählende Stimme. Und ich bin 37 Jahre alt, wie sieht das erst bei den ü80ern aus?

Aber ich schweife ab.

Man vermeidet instinktiv lange Wege und Aktionen, die einem gerade weh tun. Logisch. Ich freue mich über Hilfsmittel wie Bobbel, die man auf Schraubverschlüsse stecken kann, um eine Flasche doch noch aufzubekommen. Ich freue mich darüber, wenn der Winterdienst die Gehwege einigermaßen eisfrei hält (huhu, Weinfelden!). Ich freue mich darüber, wenn ich keine Pinzette brauche, um meinen Taschenaschenbecher zu öffnen.

Aber prinzipiell, automatisch, vermeide ich Situationen, die mich in eine schmerzhaft-unangenehme Situation bringen könnten. Was auch heißt, dass mich Bekannte manchmal als ein wenig sehr analfixiert wahrnehmen. Der ideale Ablauf ist vorgegeben, aus Eigenschutz halte ich mich auch daran. Logisch, dass ich dann nicht wirklich locker-flockig reagiere, wenn jemand ein anderes Lokal am anderen Ende der Stadt vorschlägt, oder besagter Zug an einem anderen Perron steht als, nun ja, ich es tue.

Vermeidungstaktiken sind also körperlich, schmerztechnisch, sinnvoll: Man vermeidet weitere Pein. Aber psychisch, sozial? Da erscheint man schnell, zu schnell, als Sonderling. Mein Ratschlag ist also: abwägen. Das Aua mag vorgehen, ja. Aber das damit verbundene Gefluche kann dafür sorgen, dass man aus sozialen Gruppen ausgeschlossen wird, zumindest als „eigenartig“ eingestuft wird. Das ist oft kontraproduktiv.

Also: Fluchen und Zetern? Gerne! Aber dann dort, wo es etwas bewirkt. Und nicht das engste Umfeld zu sehr damit belasten, denn dieses wird früher oder später ablehnend reagieren. Inklusion heißt nicht, dass alles nach der eigenen Pfeife tanzt – sondern dass man Teil einer Gemeinschaft ist. Zu viele Hueresiech sind hier nicht nützlich. Zu wenige jedoch? Genau so wenig.