Archiv der Kategorie: Hilfsmittel

I’m Batman.

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Tja.

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Arbeitsmittel für fotografierende Schreiberlingende.

Schlägt man sich mit rheumatischer Arthritis in Händen und Füßen herum, kann der berufliche Alltag zur Qual werden. Wählt man seine Werkzeuge konsequent aus, lässt sich die Belastung oftmals verringern.

Ich schreibe, redigiere und fotografiere. Das mag nach einem eher … speziellen Berufsprofil klingen, aber ich schätze, die meisten meiner Leser_innen werden a) auch mal etwas schreiben und b) zwischendurch Fötteli machen. Entsprechend hoffe ich, dass meine Beispiele Impulse geben können, die eigenen Werkzeuge zu hinterfragen und gegebenenfalls zu optimieren.

Fangen wir an!

1. Mausersatz.

Kensington und Wacom

Ich mag Computer-Mäuse nicht. Die ganze Zeit den Arm bewegen oder den Mauszeiger aus dem Handgelenk herumschupsen strengt an und verspannt mir nicht nur die Schulter und den Ellenbogen, sondern strahlt bis in die Mittelhand- und Fingergelenke aus. Bei größeren Aufträgen oder längeren Manuskripten sitze ich schon mal zehn, zwölf Stunden am Stück vor dem Rechner. Entsprechend arbeite ich seit Jahren nur noch mit Trackball und Grafiktablett. So oder so bin ich ein Tastenkürzel-Mensch und mache so viel wie möglich mit der Tastatur.

2. Tastatur.

Apple

So sehr ich altmodische Tastaturen liebe, mit dem großen Hub können meine Gelenke während eines Arthritis-Schubs nur schwer umgehen. Kurzhub-Tastaturen haben sich für mich bewährt. Was dieses Modell zusätzlich auszeichnet: Die Knöpfe und Abstände dazwischen sind etwas größer als bei den meisten anderen Tastatur-Flundern. Nützlich, wenn man die Finger gerade nur schwer genau positionieren kann. Leider hält dieser Tastaturtyp nicht sehr lange.

3. Stift.

Faber Castell

Ich schreibe viel, was nicht überraschen sollte. Überraschender ist vielleicht, dass ich viel davon auf Papier erledige. Notizen, Artikel-Entwürfe, Erzählungen … fast alles beginnt mit Kugelschreiber und Notizbuch. Natürlich muss der Stift gut in der Hand liegen, aber mir ist wichtig, dass er lang genug ist – damit ich ihn auch mal anders greifen kann, um die Hand und die Finger zu entspannen. Mit diesen „ergonomischen“ Weltraum-Kulis, die eher an Sexspielzeuge als an Schreibwerkzeuge erinnern, komme ich überhaupt nicht klar. Aber das muss jeder für sich selbst ausprobieren.

4. Fotoapparat.

Olympus

Hilfe.

Ich hasse nichts mehr als Mäuseklaviere. Ernsthaft. Selbst wenn meine Fingergelenke in Ordnung sind habe ich Mühe, mich mit Miniaturknöpfen durch verschachtelte Menüs zu bewegen. Wichtig sind mir also dedizierte, griffige Regler.

Leica

Besser.

Solche Ansätze finden sich glücklicherweise bei verschiedenen Kameraherstellern, Stichwort „Retro-Welle“. Netter Nebeneffekt: Die Kameras lassen sich im Winter auch problemlos mit Handschuhen bedienen.

5. Tasche.

Freitag

Die Tasche muss stabil sitzen, besonders dann, wenn ich mit dem Gehstock unterwegs bin. Rucksäcke kommen für mich nicht in Frage – in der einen Hand die Krücke, wie soll ich dann an den Tascheninhalt kommen? Eingeschossen habe ich mich auf Messenger-Taschen, deren Gurte diagonal über die Brust getragen werden. Ich komme immer an den Inhalt und es besteht keine Gefahr, dass die Tasche auf den Boden knallt, falls ich mal das Gleichgewicht verliere oder in der einen Hand den Stock, in der anderen einen Einkaufskorb trage.

6. Pillendose.

No-Name

In dieser Liste kommt die Pillendose zuletzt, aber ihr Nutzen darf nicht unterschätzt werden. Eine Dose mit zwei, drei Fächern passt in jede Jeans oder ins Jackett. So hat man seine (Notfall-) Medikation wirklich immer dabei. Wichtig ist es, dass man periodisch prüft, ob die Fächer der Pillendose noch gefüllt sind. Das gilt auch dann, wenn man noch keine chronische Schmerzerkrankung hat – für den Notfall. Zum Beispiel, wenn man eine Vernissage dokumentiert, ein Glas Weißwein zu viel trinkt und so einen Gichtschub provoziert. Viel Spaß, in der nächtlichen Kleinst-Stadt eine offene Apotheke zu finden …

Die Krux mit der Krücke.

Auch wenn Dr. House den Krückstock cool machte bleibt festzuhalten: Krücken sind Werkzeuge. Manchmal nötige Werkzeuge, manchmal ein Stilelement. Aber für Betroffene immer: Werkzeuge.

Entsprechend zweckorientiert sollte man seine Krücke auswählen. Wer sich bereits in vergleichsweise jungen Jahren mit chronischen Schmerzen in seinen Füßen oder Beinen herumplagt sollte die Investition in einen korrekt angepassten Gehstock erst recht nicht scheuen. Das heißt:

  • Bequemer Griff, der das halbe Körpergewicht schön auf eine (Griff-) Fläche verteilt. Manche mögen gepolsterte Handteile, andere finden die affig. Geschmackssache.
  • Passende Höhe. Das heißt meistens: Fixe Höhe, nicht-verstellbar.
  • Fuß mit rutschfestem, nun ja, Fuß; im Idealfall austauschbar, falls man Eis erwartet und Spikes montieren will.

Zur Not tut’s auch ein Gehstock aus der „Nordic Walking“-Abteilung des gutsortierten Sportfachhandels. Wirklich glücklich wird man auf Dauer damit allerdings nicht: Man kann sich nicht bequem abstützen. Das geht in den Unterarm, Ellenbogen, Schultern und am Ende in den Rücken. Ich spreche hier aus Erfahrung.

Teleskop-Auszug ist praktisch, ja – Stock gerade nicht nötig? Zusammengeschoben passt er in die Umhängetasche. Aber er ist weniger stabil als eine Krücke aus einem Stück. Und die genau richtige Höhe lässt sich nur dann einstellen, wenn man Markierungen anbringt und darauf hofft, dass der Auszug nicht verrutscht. Ein, zwei Zentimeter zu lang oder zu kurz, und man darf sich auch noch um Sekundärschmerz kümmern, weil man krumm durch die Gegend humpelt.

Also ab ins „Sanitätshaus“ des Vertrauens. Je nach Schwere des Rheumas kann man die Kosten für eine ordentliche Krücke auch an die Krankenversicherung weitergeben. Oder es zumindest versuchen; sie zeigt sich bei orthopädischen Hilfsmitteln oft recht knausrig. So oder so ist ein Rezept des Rheumatologen oder der Orthopädin nützlich.

Sieht etwas affig aus, aber egal.

Sieht etwas affig aus, aber egal.

Noch nützlicher ist es, wenn man den Stock passend führt. Da liefern US-Serien leider oft fragwürdige Vorlagen. Ich halte mich an die Grundregel: Der Stock wird an der Seite geführt, die nicht weh tut („kontralateral“), als zusätzliche Stütze, wenn man mit dem Aua-Bein auftreten muss. Als Ersatzbein, wenn man so will, um etwas Stabilität zu gewinnen. Rechter Fuß befindet sich gerade in der Gicht-Hölle? Stock links tragen und dann ansetzen, wenn auch das rechte Bein vor soll. So hat man eine Stütze, während man mit dem schmerzenden Fuß auftritt. Und das ist doch die Idee eines Krückstocks?

Wer wie Dr. House darauf besteht, die Krücke auf der schmerzenden Seite zu führen („ipsilateral“), kann das natürlich gerne machen. Für mich ist das nichts; Nebenwirkungen sind nach ein paar Tagen Verspannungen und Muskelkater. Und damit wieder, auf Dauer: Sekundärschmerzen. Kein Wunder, muss der Typ Vicodin schlucken wie ein Großer.

Von Sekundärschmerzen und Körpergefühl.

Für mich mühsamer als die eigentlichen Rheuma-Schmerzen sind die Begleiterscheinungen. Ich nenne sie Sekundärschmerzen. Auch wenn sie nur auf den ersten Blick weniger heftig sind.

Sekundärschmerzen entstehen als Reaktion darauf, wie man mit dem eigentlichen Schmerzschub umgeht. Egal, wie vollgepumpt mit Medikamenten ich bin, es tut noch immer weh. Also vermeide ich automatisch bestimmte Bewegungen und überlaste so andere Teile meines Körpers. Oder nach ein, zwei Wochen auf Schmerzmitteln meldet sich der Magen mit übertriebener Säureproduktion. Oder das ständige Gehumpel an der Krücke erzeugt Muskelkater. Und so weiter, und so fort.

Bei mir sieht’s glücklicherweise noch recht unproblematisch aus. Zieht sich das aber über Jahrzehnte können die Sekundärschmerzen chronisch und damit zu einem echten Problem werden. Dabei sind sie am Anfang wichtige Warnzeichen. Das Perfide ist die Kombination aus Rheuma und Schmerzmitteln.

  • Hat man noch kein Schmerzmittel genommen oder ist falsch eingestellt überdeckt das Rheuma den Sekundärschmerz. Eine 2 auf der Schmerzskala geht im Lärm der schreienden 7 unter.
  • Ist man sauber eingestellt und/oder im Land der Wattebällchen wird oft auch der Sekundärschmerz so weit gedämpft, dass man ihn nicht mehr ernst nimmt. Das gilt besonders bei Akuttherapie mit Morphinen.

Das Ergebnis ist dasselbe. Der rheumatische Schub verschleiert mit jeder Wiederholung größer werdende Nebenbaustellen. Und wenn man nicht aufpasst werden diese zum Dauerzustand, in dem das Rheuma nur noch einen Gastauftritt hat.

Gefragt ist Körpergefühl. Der vielleicht wichtigste Punkt für Menschen, die sich schon jung mit rheumatischen Erkrankungen herumschlagen dürfen: So schnell wie möglich memorieren, wie sich der Körper ohne Schmerz anfühlt und bewegt. Das hilft auch beim Kampf gegen das Schmerzgedächtnis, dem ich einen eigenen Artikel widmen werde.

Also – bewusst beobachten, wie man sitzt, geht, Taschen trägt, rumsteht, duscht, aus dem Bett steigt, den Stift hält und so weiter. Seitdem ich lernte, wie ich mich im Modus „schmerzfrei“ bewege fällt es mir auch leichter, Fehler während eines Rheuma-Schubs zu erkennen.

Dann innehalten: Weshalb genau stehe ich jetzt schief? Ah, die zusammenschiebbare Krücke ist etwas zu lang ausgezogen und ich strecke das Bein mit dem Scheißfuß aus. Darf nicht sein, sonst habe ich morgen auch noch eine Zerrung im anderen Bein und im Rücken, deren Entstehen von den Schmerzmitteln übertünkt wird.

Ich muss zugeben, dass mir hier neben dem Physiotherapeuten das … Achtung … Wii Balance Board die größte Hilfe war. Ja, ich weiß wie das klingt, aber das ist weder eine Werbeeinblendung noch ein misslungener Witz. Ich bin mir sicher, dass es solche Geräte auch von anderen Herstellern gibt, aber hier steht halt eine Wii rum. Item.

Der Punkt ist: So ein Brett zeigt einem ob man gerade steht, wo der Schwerpunkt liegt. Und mit den ganzen dazu passenden Spielen wurde ich mir bewusster, welche Bewegungen noch „ausbalanciert“ waren und welche nicht. Und wie sich mein Körper dabei in mehr oder weniger lustigen Kontorsionen befand. Das herumhüpfende und ein wenig hysterische Comic-Dingens, das sich Trainer nennt, erweist sich als unerwarteter Motivator. Nur Unmenschen möchten so einen Knuddelpups weinen sehen.

Tänzer_innen können sich solche Investitionen natürlich sparen. Ohne Balance geht da von Haus aus wenig, entsprechend gut sollte auch das Körpergefühl ausgebildet sein.

Das Wissen über den eigenen Normalzustand ist ein unbezahlbarer Vorteil beim Abschätzen, ob man sich zugedröhnt oder schmerzgepeinigt noch weitere Probleme einhandelt. Entsprechend kann ich nur jedem raten: Merkt Euch in guten Zeiten, wie sich euer Körper anfühlt und bewegt. Hat man es einmal gelernt und frischt es regelmäßig auf, dann geht es auch im Tramadol-Rausch nicht verloren.