Überraschung! Oder: Wenn was anderes weh tut.

Man hat sich über die Monate und Jahre an sein Gebrechen gewöhnt, sich damit abgefunden. Aber dann schmerzt plötzlich ein Gelenk, das bisher tadellos seinen Dienst getan hat. Die erste Reaktion dürfte Rheumabetroffenen nicht unbekannt sein: Panik.

Run on the Seamen’s Savings’ Bank during the Panic of 1857. Harper’s Weekly vol. I, p.692. Library of Congress, gemeinfrei.

Run on the Seamen’s Savings’ Bank during the Panic of 1857. Harper’s Weekly vol. I, p.692. Library of Congress, gemeinfrei.

Die psychische Komponente spielt eine große Rolle bei Schmerzerkrankungen. Es geht weniger darum, ob eine positive Einstellung hilft, die Erkrankung im Zaum zu halten (das tut sie in der Regel nicht), als wie man mit neuen Schmerzherden umgeht. Denn so ein Schmerzschub in einer Körperregion, die sich bisher unauffällig verhalten hat, kann einem den ganzen Tag versauen. Das wirkt auf Dritte oft übertrieben.

Dabei sind solche Bedenken verständlich: Schmerz, einfach so und ohne bekannte Ursache? Das finden nicht einmal die herbsten Masochisten toll. Hinter vielen rheumatischen Leiden stehen Ursachen mit mehr oder weniger dramatischen Bezeichnungen, von «Autoimmunerkrankung» bis «Krebs». Und nicht zuletzt wissen Betroffene, wie schlimm Schmerz werden kann. Logisch geht das Kopfkino los, wenn völlig überraschend ein Kniegelenk schmerzt, obwohl man damit noch nie Probleme hatte.

Wie damit umgehen? Gelassenheit liegt nicht jedem, aber dennoch sollte Douglas Adams bekanntes Bonmot gelten: Don’t Panic. Gibt es vielleicht doch eine klare Ursache? Gestern den Dachstuhl geräumt und dabei auf allen Vieren herumgerutscht? Oder am Abend zuvor mit dem Ellenbogen an den Türrahmen gedonnert? Sport getrieben – könnte also Muskelkater sein? Zu viel GEKNUDELPUPST? – also eventuell bloss eine Zerrung eingefangen? Ursachenfindung sollte Priorität haben, bevor man sich verrückt macht.

Sollte sich der Schmerz aber weder erklären lassen noch in einem angemessenen Zeitrahmen verflüchtigen ist klar: Ab zum Onkel oder zur Tante Doktor. Rheumatische Erkrankungen beschränken sich zwar auch mal auf einzelne Gelenke, aber falls sie sich nicht mit so wenig zufrieden geben – was bei chronischem Verlauf durchaus als Norm gelten kann – muss die Schmerztherapie angepasst werden. Oder die medizinische Ursachenforschung weitergetrieben werden. Und das erledigt man lieber früher als später, wie bereits anderenorts beschrieben …

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Schluckspecht.

Medikamente einzunehmen ist einfach: Mund auf, Medis rein, schlucken. Aber man kann dabei erstaunlich viel falsch machen. Oder zumindest nicht optimal vorgehen. Das gilt oft dann, wenn Aua-Leute vermeintlich selbstverantwortlich handelt.

Svenskt dryckeslag med kåsor. Efter Olaus Magnus Historia de gentibus septentrionalibus. 1555. Gemeinfrei.

Svenskt dryckeslag med kåsor. Efter Olaus Magnus Historia de gentibus septentrionalibus. 1555. Gemeinfrei.

Die wichtigste Regel zuerst: Die Ärzte haben immer recht. Jedenfalls fast immer; denn wenn man als Schmerzensmensch nicht sagt, was man neben den verschriebenen Medikamenten noch so einnimmt können Mediziner_innen nicht vernünftig arbeiten und kommen schon mal auf komische Ideen.

Beispiel: Wenn man, wie (früher) von manchen Gesundheitsorganisationen vorgeschlagen, täglich ein Aspirin zur Prävention von Herz/Kreislauf-Erkrankungen einnimmt mag einem das nicht weiters der Rede wert sein – stand ja mal im «Blick» oder in einem Bulletin der WHO, das passt schon. Aber Acetylsalicylsäure ist zum Beispiel kontraindiziert bei Gicht, kann Schübe sogar auslösen. Wissen die Behandelnden nichts von eurem Aspirinkonsum fantasieren sie schnell mal etwaige Nebenerkrankungen daher, die euch ständig mit dicken Gelenken in die Praxis schicken. Ergebnis: Zusätzliche, oft unangenehme Untersuchungen die auch dick ins Geld gehen können. Muss nicht sein.

Im idealen Märchenland sind Ärzt_innen diejenigen, die einen Überblick darüber haben, welche Medikamentenkombination man so zu sich nehmen sollte. «Ideales Märchenland» deshalb, weil Patient_innen immer wieder vergessen, weitere rezeptfreie Präparate zu nennen, die sich in Griffnähe des Morgenkaffees befinden. Sei es wegen eines Versäumnisses («Oh, das hatte ich ganz vergessen!») oder weil es ihnen peinlich ist («Nun ja, ja, die kleinen blauen Pillen, hust, nun ja, ja, manchmal, aber nur ganz ganz selten, meine Frau ist ja auch nicht mehr die Jüngste!»)

Hier muss absolute Offenheit herrschen! Weniger wegen etwaigen Wechselwirkungen, sondern weil man sich diagnostisch gegebenenfalls mehr zumutet, als nötig wäre. Es geht hier also auch um Selbstschutz.

Weiteres Beispiel abseits von Birkenrindenextrakten und rekreativen Steifmachern: Man bekommt zwar Protonenpumpenhemmer gegen Sodbrennen frei in der Apotheke, aber wer sie nur dann nimmt, wenn die Magensäure bereits zwickt, hat das Prinzip nicht verstanden. Die Mittel sollen quasi-präventiv wirken, nicht erst dann, wenn einem der Mageninhalt bis zur Halskrause steht. Manche Ärzte verschreiben Pantoprazol oder Omeprazol gleich als «Magenschutz» – nicht verkehrt, auch, weil er oder sie dann weiß, dass man das Zeugs einnimmt. Und entsprechend nachfragen kann, wenn Patient_innen dennoch über häufiges Sodbrennen klagen. Wieder: Bevor Magenspiegelung oder gar Biopsien automatisch auf dem Diagnosespiegel aufploppen.

Dann ist da die Sache mit dem Einnahmezeitpunkt der Medikamente. Apotheker_innen versteifen sich da (zu) oft auf die maximale Tagesdosis und sagen dann meist noch lapidar: «Nicht auf leeren Magen.» Das trifft auf die meisten Schmerzmittel zu, aber nicht auf die Medikamente, die gegen etwaige Nebenwirkungen der Schmerzmittel wie eben starkes Sodbrennen oder erhöhten Blutdruck vorgehen sollen. Denn die brauchen Vorlaufzeit, gehören also meistens vor den morgendlichen Kaffee, egal, ob der koffeinfrei ist oder nicht.

Dieser Artikel ist ein Plädoyer: Redet mit euren Ärztinnen! Seid offen! Wenn ihr jeden Abend eine Flasche Rotwein kippt mag es euch peinlich sein, das dem netten Herrn Doktor gegenüber zuzugeben. Aber wenn der dann wegen eurer Leiden ein Blutbild macht und sich wundert, was die Leberwerte so treiben, wird’s schnell unangenehmer als wenn er hätte einschätzen können, wie denn der Alkohol in die Laborergebnisse reinspielt.

Das Arztgeheimnis gibt’s nicht ohne Grund und ist nur in zweiter Linie zum Schutz des Medizinpersonals gedacht: Eigentlich geht’s um euch. Also nutzt es.

Knüppel zwischen die Beine, oder: Exklusion durch Klischees in den Medien.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Menschen mit Behinderungen stehen in der Öffentlichkeit schnell unter Verdacht: Sind sie wirklich geschädigt, oder sind sie nur faul? Schwierig haben es Personen, denen man die Behinderung nicht ansieht. Auch, weil Journalisten kaum passende Symbolfotos zeigen mögen.

Um eines Vorweg zu nehmen: Ich unterstelle dem Großteil der Medienlandschaft nicht, Propaganda zu betreiben. Was ich vielen Nachrichtengefäßen aber gerne unterstelle ist eine gewisse Bequemlichkeit und damit ein Festhalten an Klischees, die sich fürs Bewirtschaften der Aufmerksamkeit und damit das Festigen der öffentlichen Meinung bewährt haben.

Als leider typisches Beispiel sei dieser Artikel im „Politblog“ genannt, erschienen unter anderem in der Online-Ausgabe des „Tagesanzeigers“. Thema: Kürzungen von Renten der Schweizer Invalidenversicherung (IV) und Integration in den Arbeitsmarkt. Symbolbild: Eine lächelnde, nähende Frau mit Trisomie–21. Bildunterschrift: „Arbeiten muss für behinderte Personen finanziell attraktiv sein.“ Studiert man aber die offiziellen Zahlen des Bundes, werden schnell drei Dinge klar:

  1. Die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz eine IV-Leistung beziehen zu müssen, steigt mit dem Alter. Dramatisch ist der Anstieg in der Altersgruppe über 55 Jahre. Menschen mit Down-Syndrom haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur rund 60 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung, total, liegt in der Schweiz zur Zeit bei ca. 88 Jahren.
  2. Für die Gruppe der über–40jährigen, und damit die meisten Betroffenen, sieht das Gesetz eine Eingliederung in die Arbeitswelt nur dann vor, wenn es therapeutisch wirken könnte. Eine Eingliederung in den primären Arbeitsmarkt gilt besonders im mittleren und höheren Alter als wenig erfolgsversprechend.
  3. Die mit Abstand häufigste Ursache, um Leistungen der Invalidenversicherung zu beantragen und zu erhalten, ist die Triade aus psychischen Krankheiten, Erkrankungen des Nervensystems sowie, und deshalb bringe ich das in diesem Blog – Erkrankungen von „Knochen- und Bewegungsorganen“. Letztere treten mit steigendem Alter immer wahrscheinlicher auf, sorgen damit am zweithäufigsten für einen IV-Antrag, führen aber auch am seltensten zu einer Vollrente.

(Quelle: Statistiken zur Sozialen Sicherheit: IV-Statistik 2011.)

Weshalb also genau dieses Symbolbild im Beispielartikel? Weshalb veröffentlicht man in praktisch allen Bildbeiträgen zu Invalidenthemen solche Menschen, denen man die Behinderung auf den ersten Blick ansieht? (Und dabei meistens etwas treudoof lächeln oder düster im Rollstuhl sitzen?) Der kleine Zyniker in mir hat eine einfache Erklärung:

Damit lässt sich die Story besser verkaufen. Und damit machen sich Medienschaffende das Leben zu einfach und sorgen für einigen Stress im Alltag. Die Leser lernen durch die dauernde Wiederholung: SO sehen „richtige“ Behinderte aus, SO benehmen sie sich. Man hat ja die Bilder und Filme gesehen, sogar in Unterhaltungs-Dokumentationen des Schweizer Fernsehens. Die sabbern oder sitzen im Rollstuhl oder können nicht ordentlich sprechen oder haben keine Arme oder sind halt „Downies“ … Hauptsache, es ist etwas Offensichtliches.

Also denken sich im Umkehrschluss zu viele Medienleute, dass nur solche Bilder vom Konsumenten verstanden werden. Die Aufgabe eines Symbolbildes ist es ja, dass auf einen Blick klar wird, worum es in einem Film- oder Textbeitrag geht. Hacker – schattenhafte Gestalt vor einem Computer. Kriminalitätsstatistik – Handschellen um gebräunte Handgelenke. Juveniler Alkoholismus – Partyfoto mit Schnapsflasche. Invalidenthema – Rollstuhl oder Kuschel-Behinderter.

Das Problem daran ist, dass ein immer wiederkehrender Einsatz dieser Klischees dazu führt, dass die tatsächlich Betroffenen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, zumindest Zweifel an der nicht-sichtbaren Krankheit oder Behinderung aufkommen. Das heißt auch, dass die Medien (unbeabsichtigt) daran mitarbeiten, dass diese Betroffenen nicht weiters ernst genommen und dadurch „exkludiert“ werden können:

„Reiß Dich mal zusammen.“

„Die Krücke ist ja affig. Bist Du unter die Hipster gegangen?“

„Wenn Du Stimmen hörst, dann schalt das Radio ab.“

„DU willst Autist sein? Kannst Du etwa so toll wie Rainman kopfrechnen? Nein? Sag ich doch.“

Bringt man immer dieselben Symbolbilder, immer dieselben Vorzeige-Behinderungen, geht der größte Teil der Betroffenen unter. Wie zum Beispiel die jüngeren Rheuma-Kranken – denn zu sehen bekommt man in Zeitung und TV fast nur Rentner mit Rollator, nicht die 40jährige Powerfrau mit Gehstock und Schmerzmitteln. Dr. House mochte zwar ein brillanter Arzt gewesen sein, aber das Drehbuch gab ihm auch eine Vicodin-Abhängigkeit und beißenden Zynismus mit. Wäre sonst ja langweilg, wenn er trotz Behinderung zu normal gewesen wäre.

Die Welt ist komplex, manchmal auch kompliziert. Oft muss ein Sachverhalt vereinfacht dargestellt werden, um Verständnis zu ermöglichen. Wenn aber Nachrichtensendungen und Zeitungsartikel mit ihren Bildbeiträgen ständig Klischees bedienen? Dann wird die Realität als solche simplifiziert. Und nach einer Weile glauben viele Menschen nur noch dieser vereinfachten Wirklichkeit, die Symbolbilder werden zum Faktum. Diejenigen, die nicht den so erzeugten „Fakten“ entsprechen, bleiben auf der Strecke. Und werden dann schon mal zu „Scheininvaliden und Sozialschmarotzern“ hochstilisiert. Was ja auch gut ins propagierte Weltbild mancher Presse-Erzeugnisse passt.

So kann Inklusion in unserer medialen Welt nicht gelingen. Künstliche Trennlinien zwischen „Inklusionswürdigen“ und „Simulanten“ aufgrund von leicht sichtbaren Gebrechen oder deren Fehlen widersprechen sowohl der Vernunft als auch der Realität. Und zu oft dem guten Geschmack. Wenn Redaktoren Artikel mit Hilfe dreifacher Chromosomen oder abgetrennter Gliedmaßen illustrieren, dann wollen sie vielleicht tatsächlich nur „deutlich“ oder „symbolisch“ sein. Aber oft werden die Medien dadurch populistisch und werfen so, unterm Strich, den sinnvollen Bestrebungen nach mehr Inklusion Knüppel zwischen die Beine.

Fast hätte ich „Krüppel“ geschrieben. Entschuldigung.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der #EinfachSein-Thementage über Behinderung, Gesellschaft und Medien. Das Programm der Thementage findet sich hier bei „Quergedachtes“.

Autogenes Training und Co.

Gerne wird versucht, die Schmerzen mental in den Griff zu bekommen. Dies geschieht vor allem zu Beginn einer Krankheit; nicht jeder will dann sofort zu Medikamenten greifen. Wie so oft bei „alternativen“ Therapien ist der Nutzen eher individuell als allgemein gegeben.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Schmerzpatient_innen werfen immer wieder Meditation, autogenes Training aber auch progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga in die Gesprächsrunde. Für viele ist es eine Glaubensfrage, ob solche Methoden gegen Schmerzen wirken oder überhaupt wirken können. Meiner Meinung nach werden mentale Ansätze von Kritikern oft zu schnell in die Reiki/Homöopathie/Scharlatanerie-Schublade gesteckt.

Das Offensichtliche zuerst: Ist man entspannt, geht man anders mit Schmerz um als wenn Stress und Ver-Spannung auch noch ein Wörtchen mitreden. Auf Twitter und in persönlichen Gesprächen wurde ich nach dem Cannabis-Artikel darauf angesprochen, dass ein Teil der Wirkung sicher auch der Begleiterscheinung „Istmirdochwurst“ zuzuschreiben sei. Bezeichnenderweise tritt der Effekt auch bei starken Schmerzmitteln wie Morphinen auf. Ein früherer Arzt nannte Tramadol oft die „Scheißegal-Tropfen“. Passt.

Was ich aber auch erwähnen möchte ist: Korrekt ausgeführt bewegen Zazen, Übungen aus dem autogenen Training oder auch die progressive Muskelrelaxation durchaus etwas im Körper. Eine Beeinflussung des limbischen Systems gilt mittlerweile als gesichert. Ich frage mich zwar, wie jemand im Lärm einer MRT-Röhre seine „Mitte“ finden kann; wahrscheinlich fehlen mir dazu einfach ein paar Jahrzehnte Meditationspraxis. Aber ich schweife ab.

Wenn Chuck Palahniuk in seinem Erstlingsroman „Fight Club“ den Protagonisten in einer Krebs-Selbsthilfegruppe die geführte Meditation üben lässt ist das nicht nur ein Stilmittel. Ähnliche Kurse werden tatsächlich von seriösen Ärzten angeboten. Der Grund: Das limbische System ist Mitverantwortlicher in Sachen Endorphin-Ausschüttung. Und wie solche körpereigenen Opioide den Schmerz beeinflussen können habe ich schon an anderer Stelle GEKNUDELPUPST.

Also alles gut und toll? Nein. Denn nur in den wenigsten Fällen taugen mentale Ansätze in der Akuttherapie. Wenn sich vor einem Meeting ein Schmerzschub ankündigt kann ich mich schlecht auf den Sitzungstisch legen und eine Viertelstunde lang einen auf Jacobson machen. Wenn ich präsent sein muss, helfen auch Konzentrationsübungen aus dem autogenen Training nicht wirklich weiter.

Diese Methoden sind begleitend nützlich, um die Grund-Anspannung zu mindern oder in den Griff zu bekommen. Rheuma-Patient_innen sollten auf keinen Fall ausschließlich damit arbeiten. Auch wenn die Angst vor der „Chemie“ groß sein mag, auch wenn solche Übungen zu Beginn einer Erkrankung dem Schmerz den Stachel nehmen mögen – das Problem der möglichen Chronifizierung ist damit nicht gelöst.

Entzündungen zeigen sich vom limbischen System recht unbeeindruckt, ebenso die Nervenzellen, die den Schmerzreiz im Rückenmark registrieren. Und das Aufrüsten besagter Nervenzellen erfolgt autonom, losgelöst davon, ob man gerade mit Pinguinen durch eine Grotte schlittelt oder die innere Leere gefunden hat.

Also: Autogenes Training &Co gerne als Zusatz im eigenen Schmerz-Management einplanen. Aber der Schmerzherd selbst und eine mögliche grundlegende Krankheit müssen immer auch direkt und effektiv behandelt werden.

Cannabis, oder: Zugedröhnt schmerzt es sich besser?

Immer häufiger wird Cannabis in der Schmerztherapie eingesetzt, zumindest in einigen Ländern und Regionen. Aber wie sieht der Nutzen für Rheumakranke aus?

„INDIANS cigarillos to Cannabis Indica“. Gazzetta provinciale die Bergamo, 1881. Gemeinfrei.

INDIANS cigarillos to Cannabis Indica“. Gazzetta provinciale die Bergamo, 1881. Gemeinfrei.

Ich weiß nicht, wie viele meiner Leser_innen schon mal sich einen Joint reingepfiffen oder einen Space-Cake gemümmelt haben. Aber die beiden Wörter beschreiben bereits, womit man Cannabis am häufigsten in Verbindung bringt: Rauschzustände. Der Schmerzmedizin geht es weniger darum als um die Wirkung der Inhaltsstoffe auf Psyche und Körper.

Neben den in den Medien oft diskutierten THC-Verbindungen, die vorwiegend für den Rauscheffekt zuständig sind, beinhaltet die Cannabispflanze (Hanf) einen ganzen Haufen weiterer Cannabinoide. Manche davon, wie zum Beispiel Cannabidiol, zeigten sich in Tests wenig bis gar nicht psychoaktiv, dafür entzündungshemmend und entspannend – ideale Voraussetzungen für ein Medikament für Schmerzpatienten? Nicht nur, Cannabidiol rückt auch immer mehr in den Fokus der Langzeittherapie der Epilepsie und gar von Erkrankungen im schizophrenen Umfeld, wo Rauschmittel eigentlich eine ganz schlechte Idee sind.

Also nix da mit zugedröhnt. Das Problem ist jedoch, dass nur wenige Mittel auf Cannabis-Basis in der Schweiz oder in Deutschland eine Zulassung haben. Und dann meist in der Behandlung schwererer Krankheiten wie zum Beispiel Krebs eingesetzt werden. In der Rheumabehandlung gilt eine Cannabis-Therapie als experimentell. Persönlich ist mir nur ein Fall bekannt, wo eine Patientin mit Fibromyalgie („Weichteil-Rheuma“ oder „Faser-Muskel-Schmerz“) ein solches Medikament bekommen hat. Unter strengster Beobachtung des verschreibenden Schmerz-Spezialisten.

Das heißt auch, dass sich nicht wenige Schmerzpatienten mit dem Gedanken der Selbsttherapie herumschlagen. Sich also überlegen, sich einen Joint reinzupfeifen oder einen Space-Cake zu mümmeln. Meine recht deutliche Haltung dazu ist:

Bitte nicht.

Erstens ist es nicht ganz einfach, an „sauberen Stoff“ zu kommen, besonders dann, wenn man nicht eh schon Konsument ist und entsprechend seine Kontakte hat. Anekdotisch wird von verschiedenen fantasievollen Streckmitteln bis hin zu Glas berichtet. Nicht gut.

Dann darf die psychoaktive Wirkung von Cannabis nicht unterschätzt werden; bei entsprechender Veranlagung liegt gar eine „cannabisinduzierte Psychose“ drin. Auch nicht schön.

Da die entzündungshemmende, schmerzlösende und entspannende Wirkung zwar im Konsum-Cannabis steckt aber der THC-Rausch mehr oder minder stark überwiegt, kann ich jedem nur von solchen Experimenten ohne ärztliche Begleitung abraten.

Vermeidung, und Hueresiech.

Etwas vom ersten, was Rheuma-Geplagte lernen, ist: Unnötiges reduzieren. Oft versuchen wir, Dinge mit Hilfsmitteln einfacher zu gestalten, aber der Königsweg der Einfachheit heißt: Vermeidung. Und das ist meistens auch ganz vernünftig.

Wenn man gerade nicht gut zu Fuß ist, liegt es nur nahe, dass man seine Perambulationen reduziert. Kaum jemand käme auf die Idee, mit einem Bein im Gips oder einer Raucherlunge den Säntis zu besteigen. Rheuma-Patienten finden es in etwa gleich ungeil, unter Zeitdruck ein paar hundert Meter am Gleis rumzuhumpeln, weil eine Computerstimme mit „Dieser Zug fährt in veränderter Formation“ aus den Lautsprechern dröhnt. Betroffene werden automatisch, ohne zu viel Hirnschmalz darauf zu vergeuden, ihre Wege und Abläufe optimieren. Und solche Einschnitte ins Geplante mehr oder weniger gefasst zur Kenntnis nehmen.

Menschen mit wiederkehrenden, akuten Rheuma-Schüben agieren hier ähnlich wie Rollstuhlfahrer_innen oder chronische Schmerzpatienten: Tut weh, kenne ich, also plane ich. Wie komme ich mit möglichst wenigen Schritten durch Denner, Migros und dann zur Bushaltestelle? In welcher Reihenfolge erledige ich die Hausarbeit, um meinen angeschwollenen Ellenbogen nicht übermäßig zu strapazieren? Wie sollte ein Arbeitsplatz beschaffen sein, dass ich mich bei einem Schmerzschub erholen kann?

Hier zeigen sich leider sowohl der Zufall als auch Arbeitgeber und Architekten oft nicht sonderlich kooperativ. Mein aktuelles Hass-Beispiel ist der Migros-Supermarkt in Weinfelden. Früher: Rolltreppen zum Non-Food-Sortiment, Lebensmittel ebenerdig. Heute? Unten „Elektronik“ sowie Restaurant, und eine breite Treppe, also mit nur einseitig erreichbarem Geländer, zu den Lebensmitteln. Es gibt zwei Aufzüge, aber die führen auch in die einzige Tiefgarage der Innenstadt, sind also ständig in Betrieb und damit nicht wirklich verfügbar.

Sowohl Architekt als auch Bauleiter haben die gesetzlichen Auflagen erfüllt: Man kommt sogar mit Rollstuhl ins Geschäft, muss halt ein wenig warten, also alles okay. Aber die Verantwortlichen mussten wohl noch nie mit Einkaufstasche und Krückstock zuerst eine Treppe hoch, dann einen optimal aufs Marketing abgestimmten Verkaufsraum durchqueren – also: lange Wege mit vielen Regalen, die Spontankäufe triggern sollen – und dann wieder eine Treppe runterhumpeln, jetzt auch noch mit dem Einkauf beladen. Oder alternativ auf einen Aufzug warten, den marketingoptimierten Verkaufsraum durchwandern, um dann wieder auf den Aufzug zu warten, während man möglichst schnell heim zu hochgelagerten Beinen und Schmerzmitteln will.

Meine Vermeidungsstrategie heißt hier: Ich kaufe dort nur ein, wenn’s nicht anders geht. Das kann nicht im Sinne der Migros sein, aber sorry, bei mir hat hier der Arthritis-Schub die zählende Stimme. Und ich bin 37 Jahre alt, wie sieht das erst bei den ü80ern aus?

Aber ich schweife ab.

Man vermeidet instinktiv lange Wege und Aktionen, die einem gerade weh tun. Logisch. Ich freue mich über Hilfsmittel wie Bobbel, die man auf Schraubverschlüsse stecken kann, um eine Flasche doch noch aufzubekommen. Ich freue mich darüber, wenn der Winterdienst die Gehwege einigermaßen eisfrei hält (huhu, Weinfelden!). Ich freue mich darüber, wenn ich keine Pinzette brauche, um meinen Taschenaschenbecher zu öffnen.

Aber prinzipiell, automatisch, vermeide ich Situationen, die mich in eine schmerzhaft-unangenehme Situation bringen könnten. Was auch heißt, dass mich Bekannte manchmal als ein wenig sehr analfixiert wahrnehmen. Der ideale Ablauf ist vorgegeben, aus Eigenschutz halte ich mich auch daran. Logisch, dass ich dann nicht wirklich locker-flockig reagiere, wenn jemand ein anderes Lokal am anderen Ende der Stadt vorschlägt, oder besagter Zug an einem anderen Perron steht als, nun ja, ich es tue.

Vermeidungstaktiken sind also körperlich, schmerztechnisch, sinnvoll: Man vermeidet weitere Pein. Aber psychisch, sozial? Da erscheint man schnell, zu schnell, als Sonderling. Mein Ratschlag ist also: abwägen. Das Aua mag vorgehen, ja. Aber das damit verbundene Gefluche kann dafür sorgen, dass man aus sozialen Gruppen ausgeschlossen wird, zumindest als „eigenartig“ eingestuft wird. Das ist oft kontraproduktiv.

Also: Fluchen und Zetern? Gerne! Aber dann dort, wo es etwas bewirkt. Und nicht das engste Umfeld zu sehr damit belasten, denn dieses wird früher oder später ablehnend reagieren. Inklusion heißt nicht, dass alles nach der eigenen Pfeife tanzt – sondern dass man Teil einer Gemeinschaft ist. Zu viele Hueresiech sind hier nicht nützlich. Zu wenige jedoch? Genau so wenig.

It’s not Lupus!, oder: Schmerzgedächtnis.

Unser Nervensystem, inklusive Gehirn, ist toll. Es erkennt Gesichter, merkt sich (meistens) die Namen dazu, lernt, träumt und macht viele weitere Sachen, ohne die das Leben recht unangenehm wäre. Anders ist das beim Schmerzgedächtnis, da ist es genau anders rum.

Eigentlich ist der Mechanismus des Schmerzgedächtnisses sinnvoll: Eine aktuelle Schmerzsituation wird mit früheren Schmerzerfahrungen verglichen, dann angemessen darauf reagiert. Indem man zum Beispiel eine Gelenk schont, ganz automatisch. Toll!

Dummerweise sind die dazu befugten Nervenzellen, meist im Rückenmark, genau so lernfähig wie das menschliche Großhirn. Kommen immer wieder Schmerzimpulse an, oder über eine längere Zeit, reagieren die betroffenen Zellen mit dem Ausbilden zusätzlicher Rezeptoren. Sie werden also empfindlicher, reagieren flotter – im schlimmsten Fall muss nicht einmal ein echter Schmerzreiz vorliegen. Eine festere Berührung, ein deutlicher Kalt/Warm-Wechsel oder eine abrupte Bewegung können reichen, dass die Nervenzellen Guzi geben. Das Schmerzgefühl tritt häufiger auf als es sinnvoll wäre.

Bisher schlimm genug? Es kommt noch „besser“. Das Nervensystem als Gesamtes bekommt davon natürlich auch was mit. Also aktiviert das Großhirn vermehrt die IE-Gene, die Immunitätseinheit des Körpers. Weil, ist ja offenbar nötig, ne? Das wiederum macht die betroffenen Schmerzrezeptoren noch empfindlicher, kann sie gar kurzschließen: Schmerz ohne Reiz, ohne Entzündung, ohne direkte Ursache. Der Schmerz wird chronisch.

Heftigere Formen der rheumatischen Erkrankungen gelten entsprechend als Autoimmunkrankheiten und werden oft auch mit entsprechenden Mitteln behandelt. Dann kommt schon mal Methotrexat zum Einsatz. Rheuma ist vielleicht nicht Lupus, muss aber gegebenenfalls mit solchen Stoffen aus der Krebs- und Autoimmun-Therapie behandelt werden.

Danke, liebes Schmerzgedächtnis. Nicht.

Ich denke, es ist klar, dass es bei Rheuma Ziel jeder frühzeitigen Behandlung sein sollte: Kein Schmerzgedächtnis ausbilden! Deshalb verteilen die Ärzt_innen auch gerne Analgetika wie Bonbons, wenn man mit einem Gichtschub oder verknorzten Händen vorstellig wird. Die machen das nicht, weil sie von der bösen Pharmamafia geschmiert wären – es geht darum, so früh wie möglich zu intervenieren, damit besagte Nervenzellen sich nicht aufrüsten und sich kein Schmerzgedächtnis entwickelt.

Wenn Euch Mediziner_innen also Schmerzmittel in die Hand drücken und sagen: Erste jetzt sofort, dann vier Tage Dosis x!, dann macht das bitte. Und sagt Euch nicht, wenn der Schmerz nachlässt: Jetzt komme ich auch ohne klar. Werden die Schmerzen länger rausgezögert steigt die Chance, dass sich ein Schmerzgedächtnis bildet. Dann helfen irgendwann nur noch Opiate. Und das wollt Ihr wirklich nicht.