Schlagwort-Archive: Analgetika

»Das Monster in der Ampulle«, oder der Elefant im Raum.

Im gestrigen Tages-Anzeiger erzählt Michèle Binswanger von Opiaten, Sucht, einer Betroffenen und deren gerichtlichen Streitfall. Vergisst dabei aber das Kernproblem: Schmerzen tun weh.

Was mir als Schmerzpatient in Binswangers durchaus lesenwerten Artikel fehlt ist eine Betrachtung, in wiefern Schmerz als solcher mit in ein etwaiges vorhandenes Suchtverhalten reinspielt. Man sieht es den beliebtesten Kommentaren an; »Hätte halt die Packungsbeilage lesen sollen« und »Pharmalobby!!!!« etc.. Das lässt sich leicht sagen, zielt aber am einfachen Fakt vorbei – dass es halt so oder so weh tut. Selbst wenn Ärzte und Ärztinnen Analgetika zu leichtfertig verschreiben sollten, sie machen das nicht ohne Grund.

Wenn die anonymisierte Patientin Pethidin bekommen hat, dann sprechen wir von HEFTIGEN Schmerzen. Pethidin ist noch nicht auf Morphin-Niveau, aber es ist keine Substanz, die man ohne wirklich guten Grund verschreiben würde. Für Film-Fans vielleicht als Hinweis – das ist das Zeugs, das in US-Arzt-Serien immer »Demerol« genannt wird. Das bekommt man nicht einfach so, weil man mal ein bisserl Aua hat.

Wie gesagt, Binswangers Artikel ist durchaus lesenswert. Aber mir ist der Effekt des Textes zu polarisierend: Die einen Leser werden den »bösen Ärzten« und der »Pharmalobby« die Schuld zuschieben, die anderen der »unmündigen Frau«, die »selbst Schuld« sei. Ausgeblendet wird dabei der Leidensdruck von Betroffenen. Wenn jemand so starke Schmerzen hat, dass Opioide angezeigt sind, dann haben weder der Arzt noch die Patientin groß eine andere Wahl: der Schmerz muss weg.

Wenn es im Verlauf der Therapie in eine Sucht abgleiten sollte ist das selbstverständlich schlecht, aber wie kann hier im Alltag gegengewirkt werden? Es gibt keine Schmerzmessgeräte, Ärzte können also nur aufgrund der Schilderung der Patienten und eigenen Erfahrungswerten aus der Praxis einschätzen, was angesagt wäre. Das bedingt, dass die Patienten ehrlich sind – was bei jemandem mit einer Suchterkrankung ein ganz klein wenig schwierig wird. Wir haben keine zentralen Apotheken- oder Patienten-Register; woher soll ein Arzt wissen, ob der Patient sich nicht bei drei anderen Ärztinnen mit den Medis eindeckt? Soll er grundsätzlich skeptisch sein, und gegebenenfalls unterversorgte Patienten in Kauf nehmen?

Eine einfache Antwort auf die Frage, wer Schuld an einer solchen Suchtentwicklung hat, gibt es nicht. Es ist für mich fraglich, ob überhaupt eine »Schuld« existiert, oder ob das in die Kategorie »dumm gelaufen« gehört. Ich kenne die im Artikel erwähnte Begründung des Bundesgerichts, das Verfahren abzulehnen, nicht. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es in diese Richtung gehen würde.

Kurz: Für einen Artikel über starke Analgetika (das hyperbolische »Monster in der Ampulle«) fehlt mir überraschend viel zum Thema: Schmerzen.

Advertisements

Von Gesundheitskosten und (deren) Folgen.

Ja, ich »darf« alle zwei, drei Jahre ein Leber-Sonogramm über mich ergehen lassen. Und das kostet. Aber kostet es die Krankenkassen mehr, als wenn ich es bleiben lassen und mich schmerztechnisch »zusammenreißen« würde?

Streckbett. Kupferstich, ca.1700. Gemeinfrei.

Streckbett. Kupferstich, ca.1700. Gemeinfrei.

Die Mehrzahl der üblichen Analgetika schlagen sich auf der Leber nieder. Das ist einer der Gründe, weshalb in so ziemlich allen Beipackzetteln etwas steht à la »Alkoholiker nur unter engmaschiger medizinischer Begleitung!!!«, selbst bei rezeptfreien Medikamenten. Wenn man die Aufgaben der Leber versteht, respektive weshalb sich so ein recht hässliches Organ in den Körpern vornehmlich von Säugetieren herangebildet hat, ist das kein Wunder: Das Dingens ist eine Kläranlage gegen Giftstoffe. Wozu aus Sicht des Organismus neben Alkohol eben auch viele Medikamente gehören. So lange wir keine Gentherapien gegen Erkrankungen von Depression über Schizophrenie bis Krebs und eben auch: Schmerzerkrankungen wie Rheuma haben, wird die Leber bei den potenteren Mitteln automatisch zu rackern beginnen. Und je nach Veranlagung und Glück/Pech auch selbst krank werden.

1x Leber-»Screening« kostet in meinem Kanton mehr, als viele Leute meines Alters über ein Jahrzehnt bei der Hausärztin liegen lassen. Ich drücke also die Gesundheitskosten hoch! Obwohl ich das die letzten zwanzig Jahre wie den Rest meiner Behandlungen immer selbst zahlen durfte, da Franchise nicht voll, aber egal: Es kostet! Ist das wirklich nötig?!

Unterm Strich ja. Denn die Ärztinnen und Ärzte haben drei Möglichkeiten:

  1. Ein Auge auf mögliche krankhafte Veränderungen bestimmter Organe zu werfen, um frühzeitig darauf reagieren zu können.
  2. Alleinig aufs Schmerzempfinden der Patienten zu hören und einfach Rezepte zu zeichnen, wenn jemand jammert.
  3. Besagtes Schmerzempfinden mit eigenen beruflichen Erfahrungen abzugleichen und Medikamente unterzudosieren oder gar zu verweigern.

Den zwei letzten Ansätzen gemein ist: zieht sich die Situation hin, kann man fast nur verlieren, auf Niveau »Gesundheitskosten« und noch viel mehr als Betroffener. Wenn Schmerzen psychosomatisch sind, bringt es auf Dauer wenig, wenn man Morphine verschreibt. Sind sie es nicht, bringt es genau so wenig, wenn man die Betroffenen zudröhnt und nicht überwacht, oder wenn man ihr Leiden nach dem Motto »gehen Sie mal auf eine Krebsstation, DA sehen Sie ECHTES Leiden« herunterspielt. Alles Extremfälle natürlich, als Illustration. Die Bandbreite ist, nun ja, breit.

Ironischerweise ist heutzutage die längerfristig kostengünstigste und für Betroffene angenehmere Lösung: Den Patienten auch diagnostisch zu begleiten. Selbst wenn die Überprüfungen mehr kosten als die gesamte Medikation für mehrere Jahre. Aber um bei meinem Beispiel zu bleiben: Schmerzmittel über ein Jahrzehnt incl. alle zwei Jahre Lebertests sind »billiger« als eine Lebertransplantation, weil man die Kosten einer regelmäßigen Kontrolle gescheut hat. Wobei sich hier die Frage stellt: Wer scheut die Kosten?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass manchen Parteien im Schweizer Parlament die Gesundheitskosten ein Dorn im Auge sind. Denn wegen etwaigen enormen Aufwendungen, die anfallen könnten, muss das Solidaritätsprinzip greifen. Besagte Lebertransplantation könnte der Durchschnittsschweizer kaum aus der eigenen Tasche zahlen, genau so wenig wie seine eigene spätere Demenzbetreuung, oder nur schon einen stationären Aufenthalt »weil man sicher gehen will«. Im letzten Fall sprechen wir von mehreren Tausend Franken pro zwei, drei Tage. Zahlbar innerhalb von 30 Tagen. Viel Spaß.

Ist das schlimm? Zahlen wir als »Allgemeinheit« zu viel? Werden zu viele Diagnoseschritte vorgenommen, das MRI häufiger angeworfen als absolut nötig? Natürlich. Denn neben etwaigen Kosten haben auch die Patienten Interesse daran. Wenn noch vor ein paar Jahrzehnten für einen möglicherweise verstauchten Fuß ein Paar Künzli-Schuhe und Abwarten gereicht haben, wollen Leute heute ein MRI, um abzuklären, ob da was komplett kaputtgegangen sein könnte. Anders rum werden Gallenblasen minimalinvasiv operiert, damit die Patientin nach zwei, drei Tagen wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden kann. Menschen mit Dauerrezepten für Schmerzmittel und Psychopharmaka werden zum Internisten zwecks Leberabklärung geschickt. Und ja, das kostet. Natürlich.

Aber was wäre die Alternative? Geld gespart bei den Abklärungen und angenehmeren Therapien, dafür wird jemand zum Langzeitpflegefall und kostet noch viel mehr? Oder man klappt zusammen und braucht eine neue Leber, obwohl man Antialkoholiker ist? Oder man kann wegen der Rückenschmerzen nicht mehr genug Leistung bringen und verliert den Job? Oder man fängt sich mit der großen Bauchwunde einen so genannten »Krankenhausinfekt« eher ein als wenn teurer minimalinvasiv gearbeitet worden wäre?

… und dann bleibt da noch der Punkt der Lebensqualität der Betroffenen, ganz abseits etwaiger Kosten. Denn darum sollte es beim Gesundheitswesen doch gehen, oder? Die Gesundheit der Betroffenen?

Was ist besser: Jeden Morgen wie Dr. House im Spiegel nachschauen, ob sich schon ein Ikterus unterm Augenlied oder Zahnfleisch versteckt? Oder Zähne zusammenbeißen und die Schmerzen zu ignorieren versuchen, und dabei im Beruf wegen weniger »Leistung« auf der nächsten Abschuss- Reorganisations-Liste eine Top-Position einnehmen?

Oder die möglichen Folgen aktiv im Auge behalten? Und etwaige Folgeerkrankungen so vermeiden versuchen?

Logisch trifft es nicht jeden. Es gibt hundertjährige Kettenraucher genau so wie Menschen, die sich seit Jahrzehnten jeden Morgen ein Aspirin reinpfeifen, ohne an Magengeschwüren zu erkranken. Aber wenn nicht? Dann wird’s nicht nur teuer für das »Gesundheitswesen«. Sondern vor allem unangenehm bis tödlich für die Betroffenen.

Umgekehrte Simulanten, oder: Schmerz im Job – und nu?

Heute hätte ein Manuskript überarbeitet werden müssen, aber dann kam der Rheuma-Schub. Wie geht man im Beruf mit Schmerzattacken um? Ich meine: ehrlich und direkt, alles andere ist kontraproduktiv.

6289769438_f63aff7f8b_o

Das Projekt ist toll durchgeplant, mit fixen Deadlines und x Leuten, die auf das Material warten. Man ist ein Rädchen im Gesamten, als Angestellter oft gepaart mit festen Präsenzzeiten. Aber dann meint der Körper, beziehungsweise dessen Entzündungswerte: Party! und man greift zum Tramadol, und grinst ein bisserl, weil die Haare im Gesicht kitzeln und der Schattenwurf an der Wand so unglaublich interessant ist.

Für Schmerzpatienten ist das (hoffentlich) nicht Daily Business, aber ein immer wiederkehrender Besucher. Wie geht man damit um? Das Team wartet; Arbeitgeber, Kunde, Verlag sind auf dich angewiesen! Reiß dich zusammen!

Zusammenreißen geht schlecht: Man kann Funktionieren zwar simulieren, aber weder ist es einer schnellen Rekuperation noch der Teamarbeit förderlich. Entweder leistet man weniger, weil der Schmerz ablenkt, oder man ist breit wegen den Schmerzmitteln. Manchmal auch gleich beides zugleich. Das einzige, was funktioniert, wäre Erholung, Abwarten, Runterfahren. Aber hier stößt man oft auf Unverständnis.

In einer Zeit, in der die Invalidenversicherung der Schweiz Schmerzpatienten »eingliedern« soll – also aus der (Teil-) Rente entlassen muss – und das Bundesgericht auf einen Schlag einen Haufen Schmerz-Leiden als »überwindbar« klassifiziert, ist klar: man muss leisten. Zumindest dann, wenn das Leiden nicht deutlich sichtbar ist. Fehlende Gliedmaßen würden zwar das Misstrauen entschärfen, aber der Griff zur Stichsäge kann’s auch nicht sein.

Es wird immer von »Eigenverantwortung« gesprochen. Dem stimme ich zu und schlage vor: Ja, ergreift diese Eigenverantwortung! Achtet auf Euch! Ihr könnt nix dafür, dass sich die Schmerzskala gerade auf einer 9 einpendelt. Selbst wenn ihr direkt dafür verantwortlich wäret, zum Beispiel weil ihr mit der Stichsäge hantiert habt – und nu? Es tut trotzdem weh und ihr seid trotzdem nur beschränkt arbeitsfähig. Da helfen das beste Make-up und der smarteste Anzug nichts.

Das heißt auch, dass man sich nicht verstellt, sondern klipp und klar sagt – »Geht nicht. Sorry, frag mich in zwei Stunden nochmals, wenn / falls ich wieder klar denken kann.« Es ist niemandem gedient, wenn man zugedröhnt einen Kran führt oder die Aktionärsversammlung leitet: Weder dem Arbeitgeber, noch dem Team, noch den Versicherungen oder gar den Steuerzahlern. Wenn’s nicht geht, geht’s nicht. Und da müssen Betroffene Klartext reden.

Nur wenn Schmerzleute ihre Grenzen akzeptieren und kommunizieren wird auch beim Team, Arbeitgeber, Kunden, Verlag Verständnis oder gar Nachvollziehbarkeit erst ermöglicht. Und das geht nur mit Eigenverantwortung und Offenheit. Wer sich verstellt, seine Leiden verleugnet, mag eine Weile in der Menge untergehen, nicht Weiters auffallen. Stigmatisiert aber damit diejenigen Leute, denen ein solches Untertauchen nicht mehr möglich ist – sie werden ausgegliedert, denn »der Horst aus Abteilung X hat auch Rücken, der stellt sich nicht so an, Du bist doch nur faul«.

Natürlich sind hier auch Politik und Gesellschaft gefragt. Aber wohin diese Reise führt sehen wir täglich in Zeitungsberichten oder, gegebenenfalls, in den Schreiben der Ausgleichskassen und in Abstimmungsergebnissen. Versteckt man sich, wird man nicht wahrgenommen. Und ohne Wahrnehmung wird das Problem auch nicht angegangen – wozu auch? Der Horst auf Abteilung X hat ja auch Rücken …

Ich selbst? Ich habe heute meinem Lektor eine Mail geschickt und die Situation, im Rahmen des mir kognitiv Möglichen, erklärt und eine Verschiebung um ein paar Stunden vorgeschlagen. Kein Problem. Aber ohne diese Offenheit hätte ich entweder den Termin verhauen oder schlechte Ergebnisse geliefert – für mich peinlich, fürs Lektorat ärgerlich. So war uns beiden gedient: Ich konnte noch zwei Stunden über Kreise mit 400° Innenwinkel nachdenken, der Lektor andere Bücher einen Tag vorziehen. Win-win.

Schluckspecht.

Medikamente einzunehmen ist einfach: Mund auf, Medis rein, schlucken. Aber man kann dabei erstaunlich viel falsch machen. Oder zumindest nicht optimal vorgehen. Das gilt oft dann, wenn Aua-Leute vermeintlich selbstverantwortlich handelt.

Svenskt dryckeslag med kåsor. Efter Olaus Magnus Historia de gentibus septentrionalibus. 1555. Gemeinfrei.

Svenskt dryckeslag med kåsor. Efter Olaus Magnus Historia de gentibus septentrionalibus. 1555. Gemeinfrei.

Die wichtigste Regel zuerst: Die Ärzte haben immer recht. Jedenfalls fast immer; denn wenn man als Schmerzensmensch nicht sagt, was man neben den verschriebenen Medikamenten noch so einnimmt können Mediziner_innen nicht vernünftig arbeiten und kommen schon mal auf komische Ideen.

Beispiel: Wenn man, wie (früher) von manchen Gesundheitsorganisationen vorgeschlagen, täglich ein Aspirin zur Prävention von Herz/Kreislauf-Erkrankungen einnimmt mag einem das nicht weiters der Rede wert sein – stand ja mal im «Blick» oder in einem Bulletin der WHO, das passt schon. Aber Acetylsalicylsäure ist zum Beispiel kontraindiziert bei Gicht, kann Schübe sogar auslösen. Wissen die Behandelnden nichts von eurem Aspirinkonsum fantasieren sie schnell mal etwaige Nebenerkrankungen daher, die euch ständig mit dicken Gelenken in die Praxis schicken. Ergebnis: Zusätzliche, oft unangenehme Untersuchungen die auch dick ins Geld gehen können. Muss nicht sein.

Im idealen Märchenland sind Ärzt_innen diejenigen, die einen Überblick darüber haben, welche Medikamentenkombination man so zu sich nehmen sollte. «Ideales Märchenland» deshalb, weil Patient_innen immer wieder vergessen, weitere rezeptfreie Präparate zu nennen, die sich in Griffnähe des Morgenkaffees befinden. Sei es wegen eines Versäumnisses («Oh, das hatte ich ganz vergessen!») oder weil es ihnen peinlich ist («Nun ja, ja, die kleinen blauen Pillen, hust, nun ja, ja, manchmal, aber nur ganz ganz selten, meine Frau ist ja auch nicht mehr die Jüngste!»)

Hier muss absolute Offenheit herrschen! Weniger wegen etwaigen Wechselwirkungen, sondern weil man sich diagnostisch gegebenenfalls mehr zumutet, als nötig wäre. Es geht hier also auch um Selbstschutz.

Weiteres Beispiel abseits von Birkenrindenextrakten und rekreativen Steifmachern: Man bekommt zwar Protonenpumpenhemmer gegen Sodbrennen frei in der Apotheke, aber wer sie nur dann nimmt, wenn die Magensäure bereits zwickt, hat das Prinzip nicht verstanden. Die Mittel sollen quasi-präventiv wirken, nicht erst dann, wenn einem der Mageninhalt bis zur Halskrause steht. Manche Ärzte verschreiben Pantoprazol oder Omeprazol gleich als «Magenschutz» – nicht verkehrt, auch, weil er oder sie dann weiß, dass man das Zeugs einnimmt. Und entsprechend nachfragen kann, wenn Patient_innen dennoch über häufiges Sodbrennen klagen. Wieder: Bevor Magenspiegelung oder gar Biopsien automatisch auf dem Diagnosespiegel aufploppen.

Dann ist da die Sache mit dem Einnahmezeitpunkt der Medikamente. Apotheker_innen versteifen sich da (zu) oft auf die maximale Tagesdosis und sagen dann meist noch lapidar: «Nicht auf leeren Magen.» Das trifft auf die meisten Schmerzmittel zu, aber nicht auf die Medikamente, die gegen etwaige Nebenwirkungen der Schmerzmittel wie eben starkes Sodbrennen oder erhöhten Blutdruck vorgehen sollen. Denn die brauchen Vorlaufzeit, gehören also meistens vor den morgendlichen Kaffee, egal, ob der koffeinfrei ist oder nicht.

Dieser Artikel ist ein Plädoyer: Redet mit euren Ärztinnen! Seid offen! Wenn ihr jeden Abend eine Flasche Rotwein kippt mag es euch peinlich sein, das dem netten Herrn Doktor gegenüber zuzugeben. Aber wenn der dann wegen eurer Leiden ein Blutbild macht und sich wundert, was die Leberwerte so treiben, wird’s schnell unangenehmer als wenn er hätte einschätzen können, wie denn der Alkohol in die Laborergebnisse reinspielt.

Das Arztgeheimnis gibt’s nicht ohne Grund und ist nur in zweiter Linie zum Schutz des Medizinpersonals gedacht: Eigentlich geht’s um euch. Also nutzt es.

Autogenes Training und Co.

Gerne wird versucht, die Schmerzen mental in den Griff zu bekommen. Dies geschieht vor allem zu Beginn einer Krankheit; nicht jeder will dann sofort zu Medikamenten greifen. Wie so oft bei „alternativen“ Therapien ist der Nutzen eher individuell als allgemein gegeben.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Schmerzpatient_innen werfen immer wieder Meditation, autogenes Training aber auch progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga in die Gesprächsrunde. Für viele ist es eine Glaubensfrage, ob solche Methoden gegen Schmerzen wirken oder überhaupt wirken können. Meiner Meinung nach werden mentale Ansätze von Kritikern oft zu schnell in die Reiki/Homöopathie/Scharlatanerie-Schublade gesteckt.

Das Offensichtliche zuerst: Ist man entspannt, geht man anders mit Schmerz um als wenn Stress und Ver-Spannung auch noch ein Wörtchen mitreden. Auf Twitter und in persönlichen Gesprächen wurde ich nach dem Cannabis-Artikel darauf angesprochen, dass ein Teil der Wirkung sicher auch der Begleiterscheinung „Istmirdochwurst“ zuzuschreiben sei. Bezeichnenderweise tritt der Effekt auch bei starken Schmerzmitteln wie Morphinen auf. Ein früherer Arzt nannte Tramadol oft die „Scheißegal-Tropfen“. Passt.

Was ich aber auch erwähnen möchte ist: Korrekt ausgeführt bewegen Zazen, Übungen aus dem autogenen Training oder auch die progressive Muskelrelaxation durchaus etwas im Körper. Eine Beeinflussung des limbischen Systems gilt mittlerweile als gesichert. Ich frage mich zwar, wie jemand im Lärm einer MRT-Röhre seine „Mitte“ finden kann; wahrscheinlich fehlen mir dazu einfach ein paar Jahrzehnte Meditationspraxis. Aber ich schweife ab.

Wenn Chuck Palahniuk in seinem Erstlingsroman „Fight Club“ den Protagonisten in einer Krebs-Selbsthilfegruppe die geführte Meditation üben lässt ist das nicht nur ein Stilmittel. Ähnliche Kurse werden tatsächlich von seriösen Ärzten angeboten. Der Grund: Das limbische System ist Mitverantwortlicher in Sachen Endorphin-Ausschüttung. Und wie solche körpereigenen Opioide den Schmerz beeinflussen können habe ich schon an anderer Stelle GEKNUDELPUPST.

Also alles gut und toll? Nein. Denn nur in den wenigsten Fällen taugen mentale Ansätze in der Akuttherapie. Wenn sich vor einem Meeting ein Schmerzschub ankündigt kann ich mich schlecht auf den Sitzungstisch legen und eine Viertelstunde lang einen auf Jacobson machen. Wenn ich präsent sein muss, helfen auch Konzentrationsübungen aus dem autogenen Training nicht wirklich weiter.

Diese Methoden sind begleitend nützlich, um die Grund-Anspannung zu mindern oder in den Griff zu bekommen. Rheuma-Patient_innen sollten auf keinen Fall ausschließlich damit arbeiten. Auch wenn die Angst vor der „Chemie“ groß sein mag, auch wenn solche Übungen zu Beginn einer Erkrankung dem Schmerz den Stachel nehmen mögen – das Problem der möglichen Chronifizierung ist damit nicht gelöst.

Entzündungen zeigen sich vom limbischen System recht unbeeindruckt, ebenso die Nervenzellen, die den Schmerzreiz im Rückenmark registrieren. Und das Aufrüsten besagter Nervenzellen erfolgt autonom, losgelöst davon, ob man gerade mit Pinguinen durch eine Grotte schlittelt oder die innere Leere gefunden hat.

Also: Autogenes Training &Co gerne als Zusatz im eigenen Schmerz-Management einplanen. Aber der Schmerzherd selbst und eine mögliche grundlegende Krankheit müssen immer auch direkt und effektiv behandelt werden.

It’s not Lupus!, oder: Schmerzgedächtnis.

Unser Nervensystem, inklusive Gehirn, ist toll. Es erkennt Gesichter, merkt sich (meistens) die Namen dazu, lernt, träumt und macht viele weitere Sachen, ohne die das Leben recht unangenehm wäre. Anders ist das beim Schmerzgedächtnis, da ist es genau anders rum.

Eigentlich ist der Mechanismus des Schmerzgedächtnisses sinnvoll: Eine aktuelle Schmerzsituation wird mit früheren Schmerzerfahrungen verglichen, dann angemessen darauf reagiert. Indem man zum Beispiel eine Gelenk schont, ganz automatisch. Toll!

Dummerweise sind die dazu befugten Nervenzellen, meist im Rückenmark, genau so lernfähig wie das menschliche Großhirn. Kommen immer wieder Schmerzimpulse an, oder über eine längere Zeit, reagieren die betroffenen Zellen mit dem Ausbilden zusätzlicher Rezeptoren. Sie werden also empfindlicher, reagieren flotter – im schlimmsten Fall muss nicht einmal ein echter Schmerzreiz vorliegen. Eine festere Berührung, ein deutlicher Kalt/Warm-Wechsel oder eine abrupte Bewegung können reichen, dass die Nervenzellen Guzi geben. Das Schmerzgefühl tritt häufiger auf als es sinnvoll wäre.

Bisher schlimm genug? Es kommt noch „besser“. Das Nervensystem als Gesamtes bekommt davon natürlich auch was mit. Also aktiviert das Großhirn vermehrt die IE-Gene, die Immunitätseinheit des Körpers. Weil, ist ja offenbar nötig, ne? Das wiederum macht die betroffenen Schmerzrezeptoren noch empfindlicher, kann sie gar kurzschließen: Schmerz ohne Reiz, ohne Entzündung, ohne direkte Ursache. Der Schmerz wird chronisch.

Heftigere Formen der rheumatischen Erkrankungen gelten entsprechend als Autoimmunkrankheiten und werden oft auch mit entsprechenden Mitteln behandelt. Dann kommt schon mal Methotrexat zum Einsatz. Rheuma ist vielleicht nicht Lupus, muss aber gegebenenfalls mit solchen Stoffen aus der Krebs- und Autoimmun-Therapie behandelt werden.

Danke, liebes Schmerzgedächtnis. Nicht.

Ich denke, es ist klar, dass es bei Rheuma Ziel jeder frühzeitigen Behandlung sein sollte: Kein Schmerzgedächtnis ausbilden! Deshalb verteilen die Ärzt_innen auch gerne Analgetika wie Bonbons, wenn man mit einem Gichtschub oder verknorzten Händen vorstellig wird. Die machen das nicht, weil sie von der bösen Pharmamafia geschmiert wären – es geht darum, so früh wie möglich zu intervenieren, damit besagte Nervenzellen sich nicht aufrüsten und sich kein Schmerzgedächtnis entwickelt.

Wenn Euch Mediziner_innen also Schmerzmittel in die Hand drücken und sagen: Erste jetzt sofort, dann vier Tage Dosis x!, dann macht das bitte. Und sagt Euch nicht, wenn der Schmerz nachlässt: Jetzt komme ich auch ohne klar. Werden die Schmerzen länger rausgezögert steigt die Chance, dass sich ein Schmerzgedächtnis bildet. Dann helfen irgendwann nur noch Opiate. Und das wollt Ihr wirklich nicht.

Apothekenscharmützel.

Es erstaunt mich, wenn Apotheken beziehungsweise deren Mitarbeiter_innen so tun, als ob sie nichts verkaufen wollten. Jedenfalls keine Schmerzmittel, denn die scheinen ganz ganz böse zu sein.

Manchmal kommt es vor, dass ich nicht zu meinem Arzt kann, um Medikamente abzuholen. Zum Beispiel dann, wenn ich einen Schmerzschub in einer fremden Stadt habe oder morgens mit dickem Fuß und großem Geheule aufwache – in solchen Situationen habe ich wenig Lust, zur Bushaltestelle zu humpeln, dann zum Arzt zu humpeln, dort rumzusitzen, bis die Praxisassistenz mal Zeit hat. Vorausgesetzt natürlich, dass der Arzt auch Sprechstunde hält und nicht im wohlverdienten Urlaub weilt. Denn dann hätte ich noch viel weniger Lust auf das ganze Gehumpel.

Kurz: Ich kaufe Medikamente auch in Apotheken. Denn dafür sind sie da. Manchen Mitarbeiter_innen scheint dieses Verhalten ein Dorn im Auge zu sein. Der Mundwinkel zuckt beim Nennen des Wirkstoffes (statt des Markennamens), die Stirn liegt in schweren Falten – besonders bei der Standard-Antwort „Ja, ich bin Schmerzpatient“ auf die Standard-Frage „Kennen Sie das Medikament?“ Als hätte man illegale Drogen verlangt. Oder den Erstgeborenen als Opfergabe für dunkle Götter gefordert.

Aber ich bin nun mal auf Diclofenac eingestellt, inklusive Bluttests bei so ziemlich jedem Arztbesuch. Weshalb sollte ich dann „Schmerzmittel bitte“ sagen? Oder „Voltaren“? Ich weiß ja, was ich nehmen soll, und finde Generika toll.

Als ich noch Dreadlocks bis zum Hintern trug konnte ich ein gewisses Misstrauen nachvollziehen. Auch wenn ich mich nachträglich frage, wie groß das Missbrauchspotential von 10x25mg sein könnte, und ob es dafür echt einen Schwarzmarkt gibt.

Ist das Teil der Verkaufsausbildung? Soll damit dem Kunden signalisiert werden: Hey, wir achten auf Deine Gesundheit! Und auf Deine Karriere als Kleinkrimineller!

In dem Fall ein Tipp, liebe Apothekenmitarbeitende: Wenn jemand mit Stock in der Hand und Schweiß auf der Stirn angehinkt kommt könnte es durchaus sein, dass er oder sie ein Schmerzmittel einnehmen und nicht auf dem Schulhof verticken möchte.

Es hilft, wenn man immer dieselbe Apotheke aufsucht. Sofern es sich um ein inhabergeführtes Geschäft handelt, denn sonst wechselt das Verkaufspersonal so oft, dass man alle paar Monate ein neues Gesicht vor sich hat. Das dann die Stirn mehr oder weniger dekorativ runzelt.