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Umgekehrte Simulanten, oder: Schmerz im Job – und nu?

Heute hätte ein Manuskript überarbeitet werden müssen, aber dann kam der Rheuma-Schub. Wie geht man im Beruf mit Schmerzattacken um? Ich meine: ehrlich und direkt, alles andere ist kontraproduktiv.

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Das Projekt ist toll durchgeplant, mit fixen Deadlines und x Leuten, die auf das Material warten. Man ist ein Rädchen im Gesamten, als Angestellter oft gepaart mit festen Präsenzzeiten. Aber dann meint der Körper, beziehungsweise dessen Entzündungswerte: Party! und man greift zum Tramadol, und grinst ein bisserl, weil die Haare im Gesicht kitzeln und der Schattenwurf an der Wand so unglaublich interessant ist.

Für Schmerzpatienten ist das (hoffentlich) nicht Daily Business, aber ein immer wiederkehrender Besucher. Wie geht man damit um? Das Team wartet; Arbeitgeber, Kunde, Verlag sind auf dich angewiesen! Reiß dich zusammen!

Zusammenreißen geht schlecht: Man kann Funktionieren zwar simulieren, aber weder ist es einer schnellen Rekuperation noch der Teamarbeit förderlich. Entweder leistet man weniger, weil der Schmerz ablenkt, oder man ist breit wegen den Schmerzmitteln. Manchmal auch gleich beides zugleich. Das einzige, was funktioniert, wäre Erholung, Abwarten, Runterfahren. Aber hier stößt man oft auf Unverständnis.

In einer Zeit, in der die Invalidenversicherung der Schweiz Schmerzpatienten »eingliedern« soll – also aus der (Teil-) Rente entlassen muss – und das Bundesgericht auf einen Schlag einen Haufen Schmerz-Leiden als »überwindbar« klassifiziert, ist klar: man muss leisten. Zumindest dann, wenn das Leiden nicht deutlich sichtbar ist. Fehlende Gliedmaßen würden zwar das Misstrauen entschärfen, aber der Griff zur Stichsäge kann’s auch nicht sein.

Es wird immer von »Eigenverantwortung« gesprochen. Dem stimme ich zu und schlage vor: Ja, ergreift diese Eigenverantwortung! Achtet auf Euch! Ihr könnt nix dafür, dass sich die Schmerzskala gerade auf einer 9 einpendelt. Selbst wenn ihr direkt dafür verantwortlich wäret, zum Beispiel weil ihr mit der Stichsäge hantiert habt – und nu? Es tut trotzdem weh und ihr seid trotzdem nur beschränkt arbeitsfähig. Da helfen das beste Make-up und der smarteste Anzug nichts.

Das heißt auch, dass man sich nicht verstellt, sondern klipp und klar sagt – »Geht nicht. Sorry, frag mich in zwei Stunden nochmals, wenn / falls ich wieder klar denken kann.« Es ist niemandem gedient, wenn man zugedröhnt einen Kran führt oder die Aktionärsversammlung leitet: Weder dem Arbeitgeber, noch dem Team, noch den Versicherungen oder gar den Steuerzahlern. Wenn’s nicht geht, geht’s nicht. Und da müssen Betroffene Klartext reden.

Nur wenn Schmerzleute ihre Grenzen akzeptieren und kommunizieren wird auch beim Team, Arbeitgeber, Kunden, Verlag Verständnis oder gar Nachvollziehbarkeit erst ermöglicht. Und das geht nur mit Eigenverantwortung und Offenheit. Wer sich verstellt, seine Leiden verleugnet, mag eine Weile in der Menge untergehen, nicht Weiters auffallen. Stigmatisiert aber damit diejenigen Leute, denen ein solches Untertauchen nicht mehr möglich ist – sie werden ausgegliedert, denn »der Horst aus Abteilung X hat auch Rücken, der stellt sich nicht so an, Du bist doch nur faul«.

Natürlich sind hier auch Politik und Gesellschaft gefragt. Aber wohin diese Reise führt sehen wir täglich in Zeitungsberichten oder, gegebenenfalls, in den Schreiben der Ausgleichskassen und in Abstimmungsergebnissen. Versteckt man sich, wird man nicht wahrgenommen. Und ohne Wahrnehmung wird das Problem auch nicht angegangen – wozu auch? Der Horst auf Abteilung X hat ja auch Rücken …

Ich selbst? Ich habe heute meinem Lektor eine Mail geschickt und die Situation, im Rahmen des mir kognitiv Möglichen, erklärt und eine Verschiebung um ein paar Stunden vorgeschlagen. Kein Problem. Aber ohne diese Offenheit hätte ich entweder den Termin verhauen oder schlechte Ergebnisse geliefert – für mich peinlich, fürs Lektorat ärgerlich. So war uns beiden gedient: Ich konnte noch zwei Stunden über Kreise mit 400° Innenwinkel nachdenken, der Lektor andere Bücher einen Tag vorziehen. Win-win.

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Knüppel zwischen die Beine, oder: Exklusion durch Klischees in den Medien.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Menschen mit Behinderungen stehen in der Öffentlichkeit schnell unter Verdacht: Sind sie wirklich geschädigt, oder sind sie nur faul? Schwierig haben es Personen, denen man die Behinderung nicht ansieht. Auch, weil Journalisten kaum passende Symbolfotos zeigen mögen.

Um eines Vorweg zu nehmen: Ich unterstelle dem Großteil der Medienlandschaft nicht, Propaganda zu betreiben. Was ich vielen Nachrichtengefäßen aber gerne unterstelle ist eine gewisse Bequemlichkeit und damit ein Festhalten an Klischees, die sich fürs Bewirtschaften der Aufmerksamkeit und damit das Festigen der öffentlichen Meinung bewährt haben.

Als leider typisches Beispiel sei dieser Artikel im „Politblog“ genannt, erschienen unter anderem in der Online-Ausgabe des „Tagesanzeigers“. Thema: Kürzungen von Renten der Schweizer Invalidenversicherung (IV) und Integration in den Arbeitsmarkt. Symbolbild: Eine lächelnde, nähende Frau mit Trisomie–21. Bildunterschrift: „Arbeiten muss für behinderte Personen finanziell attraktiv sein.“ Studiert man aber die offiziellen Zahlen des Bundes, werden schnell drei Dinge klar:

  1. Die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz eine IV-Leistung beziehen zu müssen, steigt mit dem Alter. Dramatisch ist der Anstieg in der Altersgruppe über 55 Jahre. Menschen mit Down-Syndrom haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur rund 60 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung, total, liegt in der Schweiz zur Zeit bei ca. 88 Jahren.
  2. Für die Gruppe der über–40jährigen, und damit die meisten Betroffenen, sieht das Gesetz eine Eingliederung in die Arbeitswelt nur dann vor, wenn es therapeutisch wirken könnte. Eine Eingliederung in den primären Arbeitsmarkt gilt besonders im mittleren und höheren Alter als wenig erfolgsversprechend.
  3. Die mit Abstand häufigste Ursache, um Leistungen der Invalidenversicherung zu beantragen und zu erhalten, ist die Triade aus psychischen Krankheiten, Erkrankungen des Nervensystems sowie, und deshalb bringe ich das in diesem Blog – Erkrankungen von „Knochen- und Bewegungsorganen“. Letztere treten mit steigendem Alter immer wahrscheinlicher auf, sorgen damit am zweithäufigsten für einen IV-Antrag, führen aber auch am seltensten zu einer Vollrente.

(Quelle: Statistiken zur Sozialen Sicherheit: IV-Statistik 2011.)

Weshalb also genau dieses Symbolbild im Beispielartikel? Weshalb veröffentlicht man in praktisch allen Bildbeiträgen zu Invalidenthemen solche Menschen, denen man die Behinderung auf den ersten Blick ansieht? (Und dabei meistens etwas treudoof lächeln oder düster im Rollstuhl sitzen?) Der kleine Zyniker in mir hat eine einfache Erklärung:

Damit lässt sich die Story besser verkaufen. Und damit machen sich Medienschaffende das Leben zu einfach und sorgen für einigen Stress im Alltag. Die Leser lernen durch die dauernde Wiederholung: SO sehen „richtige“ Behinderte aus, SO benehmen sie sich. Man hat ja die Bilder und Filme gesehen, sogar in Unterhaltungs-Dokumentationen des Schweizer Fernsehens. Die sabbern oder sitzen im Rollstuhl oder können nicht ordentlich sprechen oder haben keine Arme oder sind halt „Downies“ … Hauptsache, es ist etwas Offensichtliches.

Also denken sich im Umkehrschluss zu viele Medienleute, dass nur solche Bilder vom Konsumenten verstanden werden. Die Aufgabe eines Symbolbildes ist es ja, dass auf einen Blick klar wird, worum es in einem Film- oder Textbeitrag geht. Hacker – schattenhafte Gestalt vor einem Computer. Kriminalitätsstatistik – Handschellen um gebräunte Handgelenke. Juveniler Alkoholismus – Partyfoto mit Schnapsflasche. Invalidenthema – Rollstuhl oder Kuschel-Behinderter.

Das Problem daran ist, dass ein immer wiederkehrender Einsatz dieser Klischees dazu führt, dass die tatsächlich Betroffenen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, zumindest Zweifel an der nicht-sichtbaren Krankheit oder Behinderung aufkommen. Das heißt auch, dass die Medien (unbeabsichtigt) daran mitarbeiten, dass diese Betroffenen nicht weiters ernst genommen und dadurch „exkludiert“ werden können:

„Reiß Dich mal zusammen.“

„Die Krücke ist ja affig. Bist Du unter die Hipster gegangen?“

„Wenn Du Stimmen hörst, dann schalt das Radio ab.“

„DU willst Autist sein? Kannst Du etwa so toll wie Rainman kopfrechnen? Nein? Sag ich doch.“

Bringt man immer dieselben Symbolbilder, immer dieselben Vorzeige-Behinderungen, geht der größte Teil der Betroffenen unter. Wie zum Beispiel die jüngeren Rheuma-Kranken – denn zu sehen bekommt man in Zeitung und TV fast nur Rentner mit Rollator, nicht die 40jährige Powerfrau mit Gehstock und Schmerzmitteln. Dr. House mochte zwar ein brillanter Arzt gewesen sein, aber das Drehbuch gab ihm auch eine Vicodin-Abhängigkeit und beißenden Zynismus mit. Wäre sonst ja langweilg, wenn er trotz Behinderung zu normal gewesen wäre.

Die Welt ist komplex, manchmal auch kompliziert. Oft muss ein Sachverhalt vereinfacht dargestellt werden, um Verständnis zu ermöglichen. Wenn aber Nachrichtensendungen und Zeitungsartikel mit ihren Bildbeiträgen ständig Klischees bedienen? Dann wird die Realität als solche simplifiziert. Und nach einer Weile glauben viele Menschen nur noch dieser vereinfachten Wirklichkeit, die Symbolbilder werden zum Faktum. Diejenigen, die nicht den so erzeugten „Fakten“ entsprechen, bleiben auf der Strecke. Und werden dann schon mal zu „Scheininvaliden und Sozialschmarotzern“ hochstilisiert. Was ja auch gut ins propagierte Weltbild mancher Presse-Erzeugnisse passt.

So kann Inklusion in unserer medialen Welt nicht gelingen. Künstliche Trennlinien zwischen „Inklusionswürdigen“ und „Simulanten“ aufgrund von leicht sichtbaren Gebrechen oder deren Fehlen widersprechen sowohl der Vernunft als auch der Realität. Und zu oft dem guten Geschmack. Wenn Redaktoren Artikel mit Hilfe dreifacher Chromosomen oder abgetrennter Gliedmaßen illustrieren, dann wollen sie vielleicht tatsächlich nur „deutlich“ oder „symbolisch“ sein. Aber oft werden die Medien dadurch populistisch und werfen so, unterm Strich, den sinnvollen Bestrebungen nach mehr Inklusion Knüppel zwischen die Beine.

Fast hätte ich „Krüppel“ geschrieben. Entschuldigung.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der #EinfachSein-Thementage über Behinderung, Gesellschaft und Medien. Das Programm der Thementage findet sich hier bei „Quergedachtes“.