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Super Size Pain, oder: Arthritische Beschwerden und Übergewicht.

Wir wissen nicht erst seit «Super Size Me», dass das Gewicht arthritische Schübe auslösen oder gar zu rheumatischen Erkrankung führen kann. Karrikaturen gichtiger Dickbäuche gibt’s seit Jahrhunderten. Aber was tun?

Szene aus Morgan Spurlocks «Super Size Me». USA, Roadside Attractions, 2004.

Szene aus Morgan Spurlocks «Super Size Me». USA, Roadside Attractions, 2004.

Mein «Fall» dürfte exemplarisch sein: 2010 hatte ich den ersten Thurgauer Gichtschub und wurde bei meinem neuen Hausarzt vorstellig. Für ihn war klar: Sie sind zu dick, da kann so etwas schon mal vorkommen. Auch in jungen Jahren.

Er revidierte seine These später, als er erfuhr, dass ich mich schon als Jugendlicher mit Idealgewicht damit herumschlagen durfte. Aber ganz unrecht hatte er nicht: Ist man zu dick, dann hat die Leber mehr zu arbeiten, Entzündungswerte steigen, die Nieren ackern auch anständig rum – und schon schlägt man sich mit Arthritis oder eben Gichtschüben herum. Bei mir mag das damalige Übergewicht nicht Ursache für meine rheumatische Grunderkrankung gewesen sein, aber Schmerzschübe hat es dennoch begünstigt.

Es mussten also Kilos runter. Aber wie, mit, haha, dick geschwollenem Fuss? Ausdauersport ist so schwer möglich. Auch, weil bei Flüssigkeitsverlust – Schwitzen – das Risiko eines arthritischen Schubs ebenfalls hochschnellt. Der Arzt riet mir dann zu Oberkörper-Gymnastik, was meinem krummen Rücken auch zu gute kommen würde. Später, nach dem Gichtschub, sollte ich mich einfach mehr bewegen, weniger essen und reichlich Wasser trinken.

Mein Sport wurde das Gehen – ich latschte lieber eine Stunde in den Nachbarort als den Bus zu nehmen. Mindestens viermal in der Woche waren solche Märsche nötig. Wir wanderten viel, besonders auf dem Thurweg. Selbst auf Städtereisen kamen die Wanderschuhe mit. Es machte sich bezahlt; nach zwei Jahren war ich wieder im normalgewichtigen Bereich. Aber: Zwei Jahre! Und wenn ich meine maximale Ausdehnung als Nullpunkt des Projekts «Abnehmen» festlege hat es gar fünf Jahre gedauert, bis ich wieder in Form war.

Der einzige Rat, den ich rheumatischen Abnehmewilligen geben kann ist also dieser: Geduld haben, nicht aufgeben. Will man zu schnell zu viel erreichen steigt das Risiko auf zusätzliche Schmerzschübe. Dann geht ein, zwei Wochen gar nichts, im wahrsten Sinne des Wortes, und Motivation und Routine lassen nach. Ein bisschen Übergewicht ist auch nicht weiters schlimm, also nicht verrückt machen lassen.

Aber 20, 30 Kilogramm zu viel auf den Hüften? Und die Veranlagung zu arthritischen Erkrankungen im Genmaterial? Dann ist es im eigenen Interesse, dass man sein Gewicht in den Griff bekommt. Auch wenn es Jahre dauern sollte, bis es passt, und einem bereits die Wechseljahre oder Midlife-Crisis zuwinken.

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Gicht, die vermeintliche Wohlstandskrankheit?

Gicht wird oft mit Völlerei und fehlender Selbstkontrolle in Verbindung gebracht. Sie gilt als typische Wohlstandskrankheit. Dabei greift diese Einordnung zu kurz, es spielen verschiedene Musiker beim Tanz der Gichtfüße mit.

„Les caprices de la goute, ballet arthritique“. Karikatur. Großbritannien, 1783. Library of Congress, Public Domain.

„Les caprices de la goute, ballet arthritique“. Karikatur. Großbritannien, 1783. Library of Congress, Public Domain.

Gichtanfälle treten bei Ablagerungen von Harnsäurekristallen in Gelenken und Gewebe auf. Diese entzünden dann recht schnell, und fast immer sehr dramatisch – Gichtschübe sind in den Top–10 der schmerzhaftesten Akut-Erkrankungen. Betroffen sind häufig die Gelenke der großen Zehen, aber auch Ellenbogen und Handgelenke finden sich oft in Arztpraxen. Theoretisch kann’s aber jedes Gelenk treffen. Und das unbehandelt schon mal zwei, drei Wochen lang. Uncool.

Ein Zusammenhang zwischen der Erhöhung des Harnsäurespiegels (Hyperurikämie) und Gicht gilt als gesichert. Ein Bindeglied dafür sind die Purine, Nukleinsäuren, die der Körper einerseits selbst herstellt, andererseits in vielen Lebensmitteln zu finden sind.

Die Gründe für eine spontan überhöhte Harnsäure-Konzentration liegen also auf den ersten Blick bei der Ernährung: Konsumiert man zu oft und zu viel purinreiche Nahrung, tut’s aua, denn der Körper macht ja schon selbst welches. Relativ viel Purin findet sich in alkoholischen Getränken, besonders Bier; aber auch Fleischextrakten für Saucen, rotem Fleisch, Fisch und einem ganzen Haufen Gemüse und Früchten. Assoziationen mit Festessen, meist von älteren Herren mit geröteten Nasen, liegen also nahe.

Aber hier hört’s schon auf mit der „Wohlstandskrankheit“: Die Konzentration der Harnsäure hängt auch entscheidend vom Zustand der Nieren ab. Hyperurikämie kann verschiedene Ursachen haben; neben dem kurzzeitig zugeführten Fremd-Purin auch Enzymdefekt, Niereninsuffizienz, Medikamente und gar Leukämie. Kurz: Alles, was die Nieren zusätzlich beschäftigt oder schwächt kann indirekt zu einem Gichtschub führen, ganz ohne Saufgelage, aber abhängig von der Gesamtkonstitution.

Das heißt einerseits fürs Arztpersonal: Kommt wer mit einem dicken Fuß, besonders in jungen Jahren, ist auch großes Blutbild und ein Nieren-Sonogramm fällig. Und für die Angehörigen, Freunde und Bekannten heißt das andererseits: Nein, der muss sich nicht unbedingt ausschließlich von Steak-and-Kidney-Pie und Bier ernähren, um sporadisch Gichtschübe abzubekommen.

Es ist gar nicht so einfach, sich purinarm zu ernähren, um das Risiko für einen Schub nicht noch zusätzlich hochzuschrauben. Linsen enthalten reichlich Purin – wie praktisch alle Hülsenfrüchte, also auch Erbsen, Mungbohnen und Erdnüsse. Hühnchenfleisch ist purinarm, die Haut aber voll mit. Weißwein ist grenzwertig, Champagner je mehr sec desto aïe. Bier ist nicht per se schlecht, es hängt davon ab, aus welchem Getreide das Malz geschrotet wurde und wie es zubereitet wird. Entsprechend gibt es zwar unzählige Purintabellen im Internet, aber allgemein gültig sind sie genau so wenig wie die in seriöseren Nahrungsmittel-Ratgebern.

Denn: Die individuelle Dosis macht’s aus; komplett auf Purine zu verzichten ist fast unmöglich. Nimm z.B. einem Veganer seine Linsen weg und und das nächste, was dick anschwillt, ist dein Auge. Mein Tipp als Betroffener – reichlich Wasser trinken, besonders zu alkoholischen Getränken, aber auch einfach so. Selbstverständlich gilt: Nicht ständig übertreiben, egal ob es um Bier, Zürcher Geschnetzeltes oder Linsencurry geht. Wer es ganz penibel machen will sollte sich ein Nahrungs-Tagebuch anlegen und sein Essen dokumentieren. Dann merkt man schnell, bei welchen Nahrungsmitteln die Gicht-Wahrscheinlichkeit persönlich gestiegen ist. Da hat Food-Porn auf Instagram doch mal einen Nutzen.

Es ist also nicht die mit Wohlstand konnotierte Völlerei das eigentliche Problem – sondern die Kombination aus Ernährung, Nahrungsmittelangebot, genetischer Veranlagung, Flüssigkeitshaushalt, Fettleibigkeit und etwaigen Erkrankungen, die Nierenfunktion oder Purinstoffwechsel stören. Und diese Kombination ist in unserer Zivilisation sehr viel leichter zu befriedigen als damals, als wir nur Kartoffeln und Wasser zu uns nahmen und mit 30 die Radieschen von unten betrachteten. Die haben übrigens einen gleich hohen Puringehalt pro 100g wie ein Jevers. Cheerio!

Arbeitsmittel für fotografierende Schreiberlingende.

Schlägt man sich mit rheumatischer Arthritis in Händen und Füßen herum, kann der berufliche Alltag zur Qual werden. Wählt man seine Werkzeuge konsequent aus, lässt sich die Belastung oftmals verringern.

Ich schreibe, redigiere und fotografiere. Das mag nach einem eher … speziellen Berufsprofil klingen, aber ich schätze, die meisten meiner Leser_innen werden a) auch mal etwas schreiben und b) zwischendurch Fötteli machen. Entsprechend hoffe ich, dass meine Beispiele Impulse geben können, die eigenen Werkzeuge zu hinterfragen und gegebenenfalls zu optimieren.

Fangen wir an!

1. Mausersatz.

Kensington und Wacom

Ich mag Computer-Mäuse nicht. Die ganze Zeit den Arm bewegen oder den Mauszeiger aus dem Handgelenk herumschupsen strengt an und verspannt mir nicht nur die Schulter und den Ellenbogen, sondern strahlt bis in die Mittelhand- und Fingergelenke aus. Bei größeren Aufträgen oder längeren Manuskripten sitze ich schon mal zehn, zwölf Stunden am Stück vor dem Rechner. Entsprechend arbeite ich seit Jahren nur noch mit Trackball und Grafiktablett. So oder so bin ich ein Tastenkürzel-Mensch und mache so viel wie möglich mit der Tastatur.

2. Tastatur.

Apple

So sehr ich altmodische Tastaturen liebe, mit dem großen Hub können meine Gelenke während eines Arthritis-Schubs nur schwer umgehen. Kurzhub-Tastaturen haben sich für mich bewährt. Was dieses Modell zusätzlich auszeichnet: Die Knöpfe und Abstände dazwischen sind etwas größer als bei den meisten anderen Tastatur-Flundern. Nützlich, wenn man die Finger gerade nur schwer genau positionieren kann. Leider hält dieser Tastaturtyp nicht sehr lange.

3. Stift.

Faber Castell

Ich schreibe viel, was nicht überraschen sollte. Überraschender ist vielleicht, dass ich viel davon auf Papier erledige. Notizen, Artikel-Entwürfe, Erzählungen … fast alles beginnt mit Kugelschreiber und Notizbuch. Natürlich muss der Stift gut in der Hand liegen, aber mir ist wichtig, dass er lang genug ist – damit ich ihn auch mal anders greifen kann, um die Hand und die Finger zu entspannen. Mit diesen „ergonomischen“ Weltraum-Kulis, die eher an Sexspielzeuge als an Schreibwerkzeuge erinnern, komme ich überhaupt nicht klar. Aber das muss jeder für sich selbst ausprobieren.

4. Fotoapparat.

Olympus

Hilfe.

Ich hasse nichts mehr als Mäuseklaviere. Ernsthaft. Selbst wenn meine Fingergelenke in Ordnung sind habe ich Mühe, mich mit Miniaturknöpfen durch verschachtelte Menüs zu bewegen. Wichtig sind mir also dedizierte, griffige Regler.

Leica

Besser.

Solche Ansätze finden sich glücklicherweise bei verschiedenen Kameraherstellern, Stichwort „Retro-Welle“. Netter Nebeneffekt: Die Kameras lassen sich im Winter auch problemlos mit Handschuhen bedienen.

5. Tasche.

Freitag

Die Tasche muss stabil sitzen, besonders dann, wenn ich mit dem Gehstock unterwegs bin. Rucksäcke kommen für mich nicht in Frage – in der einen Hand die Krücke, wie soll ich dann an den Tascheninhalt kommen? Eingeschossen habe ich mich auf Messenger-Taschen, deren Gurte diagonal über die Brust getragen werden. Ich komme immer an den Inhalt und es besteht keine Gefahr, dass die Tasche auf den Boden knallt, falls ich mal das Gleichgewicht verliere oder in der einen Hand den Stock, in der anderen einen Einkaufskorb trage.

6. Pillendose.

No-Name

In dieser Liste kommt die Pillendose zuletzt, aber ihr Nutzen darf nicht unterschätzt werden. Eine Dose mit zwei, drei Fächern passt in jede Jeans oder ins Jackett. So hat man seine (Notfall-) Medikation wirklich immer dabei. Wichtig ist es, dass man periodisch prüft, ob die Fächer der Pillendose noch gefüllt sind. Das gilt auch dann, wenn man noch keine chronische Schmerzerkrankung hat – für den Notfall. Zum Beispiel, wenn man eine Vernissage dokumentiert, ein Glas Weißwein zu viel trinkt und so einen Gichtschub provoziert. Viel Spaß, in der nächtlichen Kleinst-Stadt eine offene Apotheke zu finden …

Knudelpups.

Auch mit Rheuma würde man zwischendurch gerne pro- oder rekreativen Aktivitäten nachgehen – sei es allein, zu zweit oder in einer Gruppe. Was nicht zuletzt wegen der Schmerzlinderung sinnvoll, aber nicht immer ganz einfach ist.

(Da ich nicht pornografisch werden will, verwende ich in diesem Artikel anstelle von expliziten Beschreibungen das Füllwort KNUDELPUPS, das sowohl für Organe als auch Aktionen stehen kann.)

Endorphine, Oxytocin und Adrenalin sind des Körpers Methode, Schmerz zu unterdrücken. Die Botenstoffgruppen werden in vergleichbaren Situationen ausgeschüttet, hier will ich mich aber auf Sex beschränken. Obwohl auch diskussionswürdig wäre, ob Geisterbahnen von der Krankenkasse erstattet werden sollten.

Sexuelle Betätigung schüttet sehr viele dieser Botenstoffe aus. Dabei ist es egal, ob man sich zu einem Porno-Film KNUDELPUPST oder von seinem Partner_in GEKNUDELPUPST wird. Je nachdem, wie sich die rheumatische Erkrankung ausprägt, kann es allerdings mehr oder weniger kompliziert werden, zu einem für alle Beteiligten befriedigenden Erlebnis zu kommen.

Hat Mann einen Gichtschub im Fuß, die Partner_in bevorzugt aber das KNUDELPUPSEN im Stehen, muss man umdisponieren. Ähnliches kann für andere Stellungen und Praktiken gelten. Abseits von temporären physiologischen Unmöglichkeiten kann auch die Medikation einen Einfluss haben: Manche Schmerzmittel verringern die Empfindlichkeit von KNUDELPUPS oder KNUDELPUPS, so dass andere Methoden der Stimulation wie Kopfspiele naheliegen.

Dem entgegengesetzt der Einfluss, den Morphine auf die Persönlichkeit haben können: Manche werden dermaßen „selbstsicher“, dass sie mit ihrem KNUDELPUPS einen Acker umpflügen könnten, während sie gleichzeitig einen ganzen Haufen Hemmungen verlieren. Keine gute Kombination für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Andere machen heftige Schmerzmittel dermaßen desinteressiert, dass die stärkste psychische oder physische Stimulation keinerlei Wirkung mehr zeigt. Das kann für den Partner_in frustrierend sein.

Man muss sich also arrangieren. Sind alle Beteiligten spontan scharf genug, aber ein Körperteil schmerzt vor sich hin, kann man das einbauen. Wichtig ist so oder so, dass man mit einander redet und so erst abschätzen kann, was geht und was nicht.

Eigentlich nicht anders als beim nicht-rheumatischen KNUDELPUPSEN: Grenzen erkennen, sich gegebenenfalls absprechen, vielleicht ein Stopp-Wort vereinbaren. Das klingt ein bisserl nach BDSM, aber wenn wir schon bei Sex und Schmerz sind …

Was ist Rheuma? Und was soll dieses Blog hier?

Eine bestimmte, klar definierte Erkrankung namens „Rheuma“ gibt es nicht. Man spricht etwas faul von Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises oder Spektrums – das deckt eine ganze Menge Krankheiten mit ganz unterschiedlichen Ursachen ab. Arthrose, Morbus Bechterew, Gicht, Arthritis, Fibromyalgie … mindestens 200 Einzelerkrankungen. Allen gemeinsam sind jedoch zwei nicht sonderlich drollige Dinge:

  1. Sie betreffen den Stütz- und Bewegungsapparat. Also Muskeln, Sehnen und Gelenke.
  2. Sie machen Aua.

Die klassische Rheumatherapie konzentriert sich auf besagtes Aua, worüber ich ganz doll froh bin: Denn erstens sind Schmerzen nicht schön, und zweitens schränken diese die Beweglichkeit zusätzlich zur etwaigen Sturheit betroffener Körperpartien ein. Wenn ein Gelenk steif ist, dann wird es mit der Zeit noch steifer, wenn man bei der kleinsten Berührung aufheult. Muss nicht sein.

Entsprechend heißt Rheumatherapie oft: Schmerztherapie. Mit allen damit verbundenen Nachteilen. Aber dazu später mehr.

In diesem Blog mag ich nicht immer von einem „rheumatischen Spektrum“ sprechen sondern schreibe kurz: Rheuma. Oder ich nenne die konkrete Erkrankung, wobei ich mich vornehmlich auf die beiden beschränken werde, die mich selbst betreffen.