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Knüppel zwischen die Beine, oder: Exklusion durch Klischees in den Medien.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Honoré Daumier: Der eingebildete Kranke. 19. Jhd. Gemeinfrei.

Menschen mit Behinderungen stehen in der Öffentlichkeit schnell unter Verdacht: Sind sie wirklich geschädigt, oder sind sie nur faul? Schwierig haben es Personen, denen man die Behinderung nicht ansieht. Auch, weil Journalisten kaum passende Symbolfotos zeigen mögen.

Um eines Vorweg zu nehmen: Ich unterstelle dem Großteil der Medienlandschaft nicht, Propaganda zu betreiben. Was ich vielen Nachrichtengefäßen aber gerne unterstelle ist eine gewisse Bequemlichkeit und damit ein Festhalten an Klischees, die sich fürs Bewirtschaften der Aufmerksamkeit und damit das Festigen der öffentlichen Meinung bewährt haben.

Als leider typisches Beispiel sei dieser Artikel im „Politblog“ genannt, erschienen unter anderem in der Online-Ausgabe des „Tagesanzeigers“. Thema: Kürzungen von Renten der Schweizer Invalidenversicherung (IV) und Integration in den Arbeitsmarkt. Symbolbild: Eine lächelnde, nähende Frau mit Trisomie–21. Bildunterschrift: „Arbeiten muss für behinderte Personen finanziell attraktiv sein.“ Studiert man aber die offiziellen Zahlen des Bundes, werden schnell drei Dinge klar:

  1. Die Wahrscheinlichkeit, in der Schweiz eine IV-Leistung beziehen zu müssen, steigt mit dem Alter. Dramatisch ist der Anstieg in der Altersgruppe über 55 Jahre. Menschen mit Down-Syndrom haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur rund 60 Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung, total, liegt in der Schweiz zur Zeit bei ca. 88 Jahren.
  2. Für die Gruppe der über–40jährigen, und damit die meisten Betroffenen, sieht das Gesetz eine Eingliederung in die Arbeitswelt nur dann vor, wenn es therapeutisch wirken könnte. Eine Eingliederung in den primären Arbeitsmarkt gilt besonders im mittleren und höheren Alter als wenig erfolgsversprechend.
  3. Die mit Abstand häufigste Ursache, um Leistungen der Invalidenversicherung zu beantragen und zu erhalten, ist die Triade aus psychischen Krankheiten, Erkrankungen des Nervensystems sowie, und deshalb bringe ich das in diesem Blog – Erkrankungen von „Knochen- und Bewegungsorganen“. Letztere treten mit steigendem Alter immer wahrscheinlicher auf, sorgen damit am zweithäufigsten für einen IV-Antrag, führen aber auch am seltensten zu einer Vollrente.

(Quelle: Statistiken zur Sozialen Sicherheit: IV-Statistik 2011.)

Weshalb also genau dieses Symbolbild im Beispielartikel? Weshalb veröffentlicht man in praktisch allen Bildbeiträgen zu Invalidenthemen solche Menschen, denen man die Behinderung auf den ersten Blick ansieht? (Und dabei meistens etwas treudoof lächeln oder düster im Rollstuhl sitzen?) Der kleine Zyniker in mir hat eine einfache Erklärung:

Damit lässt sich die Story besser verkaufen. Und damit machen sich Medienschaffende das Leben zu einfach und sorgen für einigen Stress im Alltag. Die Leser lernen durch die dauernde Wiederholung: SO sehen „richtige“ Behinderte aus, SO benehmen sie sich. Man hat ja die Bilder und Filme gesehen, sogar in Unterhaltungs-Dokumentationen des Schweizer Fernsehens. Die sabbern oder sitzen im Rollstuhl oder können nicht ordentlich sprechen oder haben keine Arme oder sind halt „Downies“ … Hauptsache, es ist etwas Offensichtliches.

Also denken sich im Umkehrschluss zu viele Medienleute, dass nur solche Bilder vom Konsumenten verstanden werden. Die Aufgabe eines Symbolbildes ist es ja, dass auf einen Blick klar wird, worum es in einem Film- oder Textbeitrag geht. Hacker – schattenhafte Gestalt vor einem Computer. Kriminalitätsstatistik – Handschellen um gebräunte Handgelenke. Juveniler Alkoholismus – Partyfoto mit Schnapsflasche. Invalidenthema – Rollstuhl oder Kuschel-Behinderter.

Das Problem daran ist, dass ein immer wiederkehrender Einsatz dieser Klischees dazu führt, dass die tatsächlich Betroffenen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, zumindest Zweifel an der nicht-sichtbaren Krankheit oder Behinderung aufkommen. Das heißt auch, dass die Medien (unbeabsichtigt) daran mitarbeiten, dass diese Betroffenen nicht weiters ernst genommen und dadurch „exkludiert“ werden können:

„Reiß Dich mal zusammen.“

„Die Krücke ist ja affig. Bist Du unter die Hipster gegangen?“

„Wenn Du Stimmen hörst, dann schalt das Radio ab.“

„DU willst Autist sein? Kannst Du etwa so toll wie Rainman kopfrechnen? Nein? Sag ich doch.“

Bringt man immer dieselben Symbolbilder, immer dieselben Vorzeige-Behinderungen, geht der größte Teil der Betroffenen unter. Wie zum Beispiel die jüngeren Rheuma-Kranken – denn zu sehen bekommt man in Zeitung und TV fast nur Rentner mit Rollator, nicht die 40jährige Powerfrau mit Gehstock und Schmerzmitteln. Dr. House mochte zwar ein brillanter Arzt gewesen sein, aber das Drehbuch gab ihm auch eine Vicodin-Abhängigkeit und beißenden Zynismus mit. Wäre sonst ja langweilg, wenn er trotz Behinderung zu normal gewesen wäre.

Die Welt ist komplex, manchmal auch kompliziert. Oft muss ein Sachverhalt vereinfacht dargestellt werden, um Verständnis zu ermöglichen. Wenn aber Nachrichtensendungen und Zeitungsartikel mit ihren Bildbeiträgen ständig Klischees bedienen? Dann wird die Realität als solche simplifiziert. Und nach einer Weile glauben viele Menschen nur noch dieser vereinfachten Wirklichkeit, die Symbolbilder werden zum Faktum. Diejenigen, die nicht den so erzeugten „Fakten“ entsprechen, bleiben auf der Strecke. Und werden dann schon mal zu „Scheininvaliden und Sozialschmarotzern“ hochstilisiert. Was ja auch gut ins propagierte Weltbild mancher Presse-Erzeugnisse passt.

So kann Inklusion in unserer medialen Welt nicht gelingen. Künstliche Trennlinien zwischen „Inklusionswürdigen“ und „Simulanten“ aufgrund von leicht sichtbaren Gebrechen oder deren Fehlen widersprechen sowohl der Vernunft als auch der Realität. Und zu oft dem guten Geschmack. Wenn Redaktoren Artikel mit Hilfe dreifacher Chromosomen oder abgetrennter Gliedmaßen illustrieren, dann wollen sie vielleicht tatsächlich nur „deutlich“ oder „symbolisch“ sein. Aber oft werden die Medien dadurch populistisch und werfen so, unterm Strich, den sinnvollen Bestrebungen nach mehr Inklusion Knüppel zwischen die Beine.

Fast hätte ich „Krüppel“ geschrieben. Entschuldigung.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der #EinfachSein-Thementage über Behinderung, Gesellschaft und Medien. Das Programm der Thementage findet sich hier bei „Quergedachtes“.

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Vermeidung, und Hueresiech.

Etwas vom ersten, was Rheuma-Geplagte lernen, ist: Unnötiges reduzieren. Oft versuchen wir, Dinge mit Hilfsmitteln einfacher zu gestalten, aber der Königsweg der Einfachheit heißt: Vermeidung. Und das ist meistens auch ganz vernünftig.

Wenn man gerade nicht gut zu Fuß ist, liegt es nur nahe, dass man seine Perambulationen reduziert. Kaum jemand käme auf die Idee, mit einem Bein im Gips oder einer Raucherlunge den Säntis zu besteigen. Rheuma-Patienten finden es in etwa gleich ungeil, unter Zeitdruck ein paar hundert Meter am Gleis rumzuhumpeln, weil eine Computerstimme mit „Dieser Zug fährt in veränderter Formation“ aus den Lautsprechern dröhnt. Betroffene werden automatisch, ohne zu viel Hirnschmalz darauf zu vergeuden, ihre Wege und Abläufe optimieren. Und solche Einschnitte ins Geplante mehr oder weniger gefasst zur Kenntnis nehmen.

Menschen mit wiederkehrenden, akuten Rheuma-Schüben agieren hier ähnlich wie Rollstuhlfahrer_innen oder chronische Schmerzpatienten: Tut weh, kenne ich, also plane ich. Wie komme ich mit möglichst wenigen Schritten durch Denner, Migros und dann zur Bushaltestelle? In welcher Reihenfolge erledige ich die Hausarbeit, um meinen angeschwollenen Ellenbogen nicht übermäßig zu strapazieren? Wie sollte ein Arbeitsplatz beschaffen sein, dass ich mich bei einem Schmerzschub erholen kann?

Hier zeigen sich leider sowohl der Zufall als auch Arbeitgeber und Architekten oft nicht sonderlich kooperativ. Mein aktuelles Hass-Beispiel ist der Migros-Supermarkt in Weinfelden. Früher: Rolltreppen zum Non-Food-Sortiment, Lebensmittel ebenerdig. Heute? Unten „Elektronik“ sowie Restaurant, und eine breite Treppe, also mit nur einseitig erreichbarem Geländer, zu den Lebensmitteln. Es gibt zwei Aufzüge, aber die führen auch in die einzige Tiefgarage der Innenstadt, sind also ständig in Betrieb und damit nicht wirklich verfügbar.

Sowohl Architekt als auch Bauleiter haben die gesetzlichen Auflagen erfüllt: Man kommt sogar mit Rollstuhl ins Geschäft, muss halt ein wenig warten, also alles okay. Aber die Verantwortlichen mussten wohl noch nie mit Einkaufstasche und Krückstock zuerst eine Treppe hoch, dann einen optimal aufs Marketing abgestimmten Verkaufsraum durchqueren – also: lange Wege mit vielen Regalen, die Spontankäufe triggern sollen – und dann wieder eine Treppe runterhumpeln, jetzt auch noch mit dem Einkauf beladen. Oder alternativ auf einen Aufzug warten, den marketingoptimierten Verkaufsraum durchwandern, um dann wieder auf den Aufzug zu warten, während man möglichst schnell heim zu hochgelagerten Beinen und Schmerzmitteln will.

Meine Vermeidungsstrategie heißt hier: Ich kaufe dort nur ein, wenn’s nicht anders geht. Das kann nicht im Sinne der Migros sein, aber sorry, bei mir hat hier der Arthritis-Schub die zählende Stimme. Und ich bin 37 Jahre alt, wie sieht das erst bei den ü80ern aus?

Aber ich schweife ab.

Man vermeidet instinktiv lange Wege und Aktionen, die einem gerade weh tun. Logisch. Ich freue mich über Hilfsmittel wie Bobbel, die man auf Schraubverschlüsse stecken kann, um eine Flasche doch noch aufzubekommen. Ich freue mich darüber, wenn der Winterdienst die Gehwege einigermaßen eisfrei hält (huhu, Weinfelden!). Ich freue mich darüber, wenn ich keine Pinzette brauche, um meinen Taschenaschenbecher zu öffnen.

Aber prinzipiell, automatisch, vermeide ich Situationen, die mich in eine schmerzhaft-unangenehme Situation bringen könnten. Was auch heißt, dass mich Bekannte manchmal als ein wenig sehr analfixiert wahrnehmen. Der ideale Ablauf ist vorgegeben, aus Eigenschutz halte ich mich auch daran. Logisch, dass ich dann nicht wirklich locker-flockig reagiere, wenn jemand ein anderes Lokal am anderen Ende der Stadt vorschlägt, oder besagter Zug an einem anderen Perron steht als, nun ja, ich es tue.

Vermeidungstaktiken sind also körperlich, schmerztechnisch, sinnvoll: Man vermeidet weitere Pein. Aber psychisch, sozial? Da erscheint man schnell, zu schnell, als Sonderling. Mein Ratschlag ist also: abwägen. Das Aua mag vorgehen, ja. Aber das damit verbundene Gefluche kann dafür sorgen, dass man aus sozialen Gruppen ausgeschlossen wird, zumindest als „eigenartig“ eingestuft wird. Das ist oft kontraproduktiv.

Also: Fluchen und Zetern? Gerne! Aber dann dort, wo es etwas bewirkt. Und nicht das engste Umfeld zu sehr damit belasten, denn dieses wird früher oder später ablehnend reagieren. Inklusion heißt nicht, dass alles nach der eigenen Pfeife tanzt – sondern dass man Teil einer Gemeinschaft ist. Zu viele Hueresiech sind hier nicht nützlich. Zu wenige jedoch? Genau so wenig.