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Autogenes Training und Co.

Gerne wird versucht, die Schmerzen mental in den Griff zu bekommen. Dies geschieht vor allem zu Beginn einer Krankheit; nicht jeder will dann sofort zu Medikamenten greifen. Wie so oft bei „alternativen“ Therapien ist der Nutzen eher individuell als allgemein gegeben.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Schmerzpatient_innen werfen immer wieder Meditation, autogenes Training aber auch progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga in die Gesprächsrunde. Für viele ist es eine Glaubensfrage, ob solche Methoden gegen Schmerzen wirken oder überhaupt wirken können. Meiner Meinung nach werden mentale Ansätze von Kritikern oft zu schnell in die Reiki/Homöopathie/Scharlatanerie-Schublade gesteckt.

Das Offensichtliche zuerst: Ist man entspannt, geht man anders mit Schmerz um als wenn Stress und Ver-Spannung auch noch ein Wörtchen mitreden. Auf Twitter und in persönlichen Gesprächen wurde ich nach dem Cannabis-Artikel darauf angesprochen, dass ein Teil der Wirkung sicher auch der Begleiterscheinung „Istmirdochwurst“ zuzuschreiben sei. Bezeichnenderweise tritt der Effekt auch bei starken Schmerzmitteln wie Morphinen auf. Ein früherer Arzt nannte Tramadol oft die „Scheißegal-Tropfen“. Passt.

Was ich aber auch erwähnen möchte ist: Korrekt ausgeführt bewegen Zazen, Übungen aus dem autogenen Training oder auch die progressive Muskelrelaxation durchaus etwas im Körper. Eine Beeinflussung des limbischen Systems gilt mittlerweile als gesichert. Ich frage mich zwar, wie jemand im Lärm einer MRT-Röhre seine „Mitte“ finden kann; wahrscheinlich fehlen mir dazu einfach ein paar Jahrzehnte Meditationspraxis. Aber ich schweife ab.

Wenn Chuck Palahniuk in seinem Erstlingsroman „Fight Club“ den Protagonisten in einer Krebs-Selbsthilfegruppe die geführte Meditation üben lässt ist das nicht nur ein Stilmittel. Ähnliche Kurse werden tatsächlich von seriösen Ärzten angeboten. Der Grund: Das limbische System ist Mitverantwortlicher in Sachen Endorphin-Ausschüttung. Und wie solche körpereigenen Opioide den Schmerz beeinflussen können habe ich schon an anderer Stelle GEKNUDELPUPST.

Also alles gut und toll? Nein. Denn nur in den wenigsten Fällen taugen mentale Ansätze in der Akuttherapie. Wenn sich vor einem Meeting ein Schmerzschub ankündigt kann ich mich schlecht auf den Sitzungstisch legen und eine Viertelstunde lang einen auf Jacobson machen. Wenn ich präsent sein muss, helfen auch Konzentrationsübungen aus dem autogenen Training nicht wirklich weiter.

Diese Methoden sind begleitend nützlich, um die Grund-Anspannung zu mindern oder in den Griff zu bekommen. Rheuma-Patient_innen sollten auf keinen Fall ausschließlich damit arbeiten. Auch wenn die Angst vor der „Chemie“ groß sein mag, auch wenn solche Übungen zu Beginn einer Erkrankung dem Schmerz den Stachel nehmen mögen – das Problem der möglichen Chronifizierung ist damit nicht gelöst.

Entzündungen zeigen sich vom limbischen System recht unbeeindruckt, ebenso die Nervenzellen, die den Schmerzreiz im Rückenmark registrieren. Und das Aufrüsten besagter Nervenzellen erfolgt autonom, losgelöst davon, ob man gerade mit Pinguinen durch eine Grotte schlittelt oder die innere Leere gefunden hat.

Also: Autogenes Training &Co gerne als Zusatz im eigenen Schmerz-Management einplanen. Aber der Schmerzherd selbst und eine mögliche grundlegende Krankheit müssen immer auch direkt und effektiv behandelt werden.

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