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Apothekenscharmützel, Teil 2.

Apotheke aus Konrad von Ammenhausen: Schachzabelbuch, Stuttgart, Landesbibl., Cod. poet. et phil. 2° 2. Gemeinfrei.

Apotheke aus Konrad von Ammenhausen: Schachzabelbuch, Stuttgart, Landesbibl., Cod. poet. et phil. 2° 2. Gemeinfrei.

Es kann auch ganz anders laufen – Apothekenmitarbeitende sind manchmal durchaus pragmatisch. Es zeigt sich, dass es an der Persönlichkeit liegt, ob man einen Dealer oder Patienten vor sich stehen sieht. Und eventuell auch daran, wo genau man arbeitet.

Vor geraumer Zeit berichtete ich über meine eher negativen Erfahrungen mit Apothekenverkäufer_innen. Ich glaube, es ist an der Zeit, eine Lanze zu brechen für die konstruktiven, hilfsbereiten und freundlichen Mitarbeitenden, die sich ebenfalls in diesem Geschäftsfeld bewegen. Wenn auch vorwiegend in inhabergeführten Apotheken, nicht Ladenketten – aber ich schweife ab.

Ja, es gibt sie: Die Menschen, die ihren Job ernst nehmen und sich auf den Kunden einstellen. Die Betroffene nicht unter den Generalverdacht des Medikamentenmissbrauchs stellen, nur weil sie sich wiederholt rezeptfreie Medikamente kaufen – oder alternativ versuchen, »Alternativen« für ein Heidengeld an leidende Kunden zu verscherbeln. Menschen, die sogar noch nachfragen. Die letzten Wochen gehört, von verschiedenen Mitarbeitenden in verschiedenen Apotheken:

»Kennen Sie Produkt XY? Ist derselbe Wirkstoff, den sie jetzt nehmen, aber so bekömmlicher für die Magenschleimhaut.«

»Ihr Gehstock scheint mir ein wenig zu lang zu sein. Haben Sie fünf Minuten Zeit? Dann passe ich den gerne frisch an.«

»Ah, Sie kennen das Medikament. Gut! Haben Sie auch einen Protonenpumpenhemmer als Magenschutz? Viele Ärzte vergessen das leider immer wieder.«

… und so weiter, und so fort.

Ja, es gibt sie, die aufmerksamen Apotheken-Leute. Diejenigen, die eine Situation einschätzen können – und wenn nicht, dann eben: nachfragen. Und nein, diese Erlebnisse sind nicht von Verkaufszwang geprägt; die Stockkürzerei zum Beispiel (die übrigens sehr gelegen kam) geschah kostenlos. Kundenbindung scheint solchen Apotheker_innen wichtiger als die abgesetzten »Anti-Rheuma-Kapseln (garantiert natürlich)«, die mir andere schon so oft andrehen wollten. Zu oft.

Also breche ich eine Lanze. Und wenn ich mir die Situationen nochmals ins Gedächtnis rufe, dann muss ich mich korrigieren: Es ist nicht nur eine Lanze für vernünftige Menschen. Es ist auch durchaus eine Lanze für Apotheken, die sich der Kettenbildung verweigern konnten, die Wert auf längerfristige Kundenverhältnisse und stabile Mitarbeiterverträge legen. Unternehmer und Unternehmerinnen, die verstanden haben: In Zeiten von Internet-Versand und Grenzgänger-Shopping verkauft eine Apotheke keine Präparate. Sondern eine durchaus geschätzte Dienstleistung.

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Knudelpups.

Auch mit Rheuma würde man zwischendurch gerne pro- oder rekreativen Aktivitäten nachgehen – sei es allein, zu zweit oder in einer Gruppe. Was nicht zuletzt wegen der Schmerzlinderung sinnvoll, aber nicht immer ganz einfach ist.

(Da ich nicht pornografisch werden will, verwende ich in diesem Artikel anstelle von expliziten Beschreibungen das Füllwort KNUDELPUPS, das sowohl für Organe als auch Aktionen stehen kann.)

Endorphine, Oxytocin und Adrenalin sind des Körpers Methode, Schmerz zu unterdrücken. Die Botenstoffgruppen werden in vergleichbaren Situationen ausgeschüttet, hier will ich mich aber auf Sex beschränken. Obwohl auch diskussionswürdig wäre, ob Geisterbahnen von der Krankenkasse erstattet werden sollten.

Sexuelle Betätigung schüttet sehr viele dieser Botenstoffe aus. Dabei ist es egal, ob man sich zu einem Porno-Film KNUDELPUPST oder von seinem Partner_in GEKNUDELPUPST wird. Je nachdem, wie sich die rheumatische Erkrankung ausprägt, kann es allerdings mehr oder weniger kompliziert werden, zu einem für alle Beteiligten befriedigenden Erlebnis zu kommen.

Hat Mann einen Gichtschub im Fuß, die Partner_in bevorzugt aber das KNUDELPUPSEN im Stehen, muss man umdisponieren. Ähnliches kann für andere Stellungen und Praktiken gelten. Abseits von temporären physiologischen Unmöglichkeiten kann auch die Medikation einen Einfluss haben: Manche Schmerzmittel verringern die Empfindlichkeit von KNUDELPUPS oder KNUDELPUPS, so dass andere Methoden der Stimulation wie Kopfspiele naheliegen.

Dem entgegengesetzt der Einfluss, den Morphine auf die Persönlichkeit haben können: Manche werden dermaßen „selbstsicher“, dass sie mit ihrem KNUDELPUPS einen Acker umpflügen könnten, während sie gleichzeitig einen ganzen Haufen Hemmungen verlieren. Keine gute Kombination für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Andere machen heftige Schmerzmittel dermaßen desinteressiert, dass die stärkste psychische oder physische Stimulation keinerlei Wirkung mehr zeigt. Das kann für den Partner_in frustrierend sein.

Man muss sich also arrangieren. Sind alle Beteiligten spontan scharf genug, aber ein Körperteil schmerzt vor sich hin, kann man das einbauen. Wichtig ist so oder so, dass man mit einander redet und so erst abschätzen kann, was geht und was nicht.

Eigentlich nicht anders als beim nicht-rheumatischen KNUDELPUPSEN: Grenzen erkennen, sich gegebenenfalls absprechen, vielleicht ein Stopp-Wort vereinbaren. Das klingt ein bisserl nach BDSM, aber wenn wir schon bei Sex und Schmerz sind …

Apothekenscharmützel.

Es erstaunt mich, wenn Apotheken beziehungsweise deren Mitarbeiter_innen so tun, als ob sie nichts verkaufen wollten. Jedenfalls keine Schmerzmittel, denn die scheinen ganz ganz böse zu sein.

Manchmal kommt es vor, dass ich nicht zu meinem Arzt kann, um Medikamente abzuholen. Zum Beispiel dann, wenn ich einen Schmerzschub in einer fremden Stadt habe oder morgens mit dickem Fuß und großem Geheule aufwache – in solchen Situationen habe ich wenig Lust, zur Bushaltestelle zu humpeln, dann zum Arzt zu humpeln, dort rumzusitzen, bis die Praxisassistenz mal Zeit hat. Vorausgesetzt natürlich, dass der Arzt auch Sprechstunde hält und nicht im wohlverdienten Urlaub weilt. Denn dann hätte ich noch viel weniger Lust auf das ganze Gehumpel.

Kurz: Ich kaufe Medikamente auch in Apotheken. Denn dafür sind sie da. Manchen Mitarbeiter_innen scheint dieses Verhalten ein Dorn im Auge zu sein. Der Mundwinkel zuckt beim Nennen des Wirkstoffes (statt des Markennamens), die Stirn liegt in schweren Falten – besonders bei der Standard-Antwort „Ja, ich bin Schmerzpatient“ auf die Standard-Frage „Kennen Sie das Medikament?“ Als hätte man illegale Drogen verlangt. Oder den Erstgeborenen als Opfergabe für dunkle Götter gefordert.

Aber ich bin nun mal auf Diclofenac eingestellt, inklusive Bluttests bei so ziemlich jedem Arztbesuch. Weshalb sollte ich dann „Schmerzmittel bitte“ sagen? Oder „Voltaren“? Ich weiß ja, was ich nehmen soll, und finde Generika toll.

Als ich noch Dreadlocks bis zum Hintern trug konnte ich ein gewisses Misstrauen nachvollziehen. Auch wenn ich mich nachträglich frage, wie groß das Missbrauchspotential von 10x25mg sein könnte, und ob es dafür echt einen Schwarzmarkt gibt.

Ist das Teil der Verkaufsausbildung? Soll damit dem Kunden signalisiert werden: Hey, wir achten auf Deine Gesundheit! Und auf Deine Karriere als Kleinkrimineller!

In dem Fall ein Tipp, liebe Apothekenmitarbeitende: Wenn jemand mit Stock in der Hand und Schweiß auf der Stirn angehinkt kommt könnte es durchaus sein, dass er oder sie ein Schmerzmittel einnehmen und nicht auf dem Schulhof verticken möchte.

Es hilft, wenn man immer dieselbe Apotheke aufsucht. Sofern es sich um ein inhabergeführtes Geschäft handelt, denn sonst wechselt das Verkaufspersonal so oft, dass man alle paar Monate ein neues Gesicht vor sich hat. Das dann die Stirn mehr oder weniger dekorativ runzelt.

Von Sekundärschmerzen und Körpergefühl.

Für mich mühsamer als die eigentlichen Rheuma-Schmerzen sind die Begleiterscheinungen. Ich nenne sie Sekundärschmerzen. Auch wenn sie nur auf den ersten Blick weniger heftig sind.

Sekundärschmerzen entstehen als Reaktion darauf, wie man mit dem eigentlichen Schmerzschub umgeht. Egal, wie vollgepumpt mit Medikamenten ich bin, es tut noch immer weh. Also vermeide ich automatisch bestimmte Bewegungen und überlaste so andere Teile meines Körpers. Oder nach ein, zwei Wochen auf Schmerzmitteln meldet sich der Magen mit übertriebener Säureproduktion. Oder das ständige Gehumpel an der Krücke erzeugt Muskelkater. Und so weiter, und so fort.

Bei mir sieht’s glücklicherweise noch recht unproblematisch aus. Zieht sich das aber über Jahrzehnte können die Sekundärschmerzen chronisch und damit zu einem echten Problem werden. Dabei sind sie am Anfang wichtige Warnzeichen. Das Perfide ist die Kombination aus Rheuma und Schmerzmitteln.

  • Hat man noch kein Schmerzmittel genommen oder ist falsch eingestellt überdeckt das Rheuma den Sekundärschmerz. Eine 2 auf der Schmerzskala geht im Lärm der schreienden 7 unter.
  • Ist man sauber eingestellt und/oder im Land der Wattebällchen wird oft auch der Sekundärschmerz so weit gedämpft, dass man ihn nicht mehr ernst nimmt. Das gilt besonders bei Akuttherapie mit Morphinen.

Das Ergebnis ist dasselbe. Der rheumatische Schub verschleiert mit jeder Wiederholung größer werdende Nebenbaustellen. Und wenn man nicht aufpasst werden diese zum Dauerzustand, in dem das Rheuma nur noch einen Gastauftritt hat.

Gefragt ist Körpergefühl. Der vielleicht wichtigste Punkt für Menschen, die sich schon jung mit rheumatischen Erkrankungen herumschlagen dürfen: So schnell wie möglich memorieren, wie sich der Körper ohne Schmerz anfühlt und bewegt. Das hilft auch beim Kampf gegen das Schmerzgedächtnis, dem ich einen eigenen Artikel widmen werde.

Also – bewusst beobachten, wie man sitzt, geht, Taschen trägt, rumsteht, duscht, aus dem Bett steigt, den Stift hält und so weiter. Seitdem ich lernte, wie ich mich im Modus „schmerzfrei“ bewege fällt es mir auch leichter, Fehler während eines Rheuma-Schubs zu erkennen.

Dann innehalten: Weshalb genau stehe ich jetzt schief? Ah, die zusammenschiebbare Krücke ist etwas zu lang ausgezogen und ich strecke das Bein mit dem Scheißfuß aus. Darf nicht sein, sonst habe ich morgen auch noch eine Zerrung im anderen Bein und im Rücken, deren Entstehen von den Schmerzmitteln übertünkt wird.

Ich muss zugeben, dass mir hier neben dem Physiotherapeuten das … Achtung … Wii Balance Board die größte Hilfe war. Ja, ich weiß wie das klingt, aber das ist weder eine Werbeeinblendung noch ein misslungener Witz. Ich bin mir sicher, dass es solche Geräte auch von anderen Herstellern gibt, aber hier steht halt eine Wii rum. Item.

Der Punkt ist: So ein Brett zeigt einem ob man gerade steht, wo der Schwerpunkt liegt. Und mit den ganzen dazu passenden Spielen wurde ich mir bewusster, welche Bewegungen noch „ausbalanciert“ waren und welche nicht. Und wie sich mein Körper dabei in mehr oder weniger lustigen Kontorsionen befand. Das herumhüpfende und ein wenig hysterische Comic-Dingens, das sich Trainer nennt, erweist sich als unerwarteter Motivator. Nur Unmenschen möchten so einen Knuddelpups weinen sehen.

Tänzer_innen können sich solche Investitionen natürlich sparen. Ohne Balance geht da von Haus aus wenig, entsprechend gut sollte auch das Körpergefühl ausgebildet sein.

Das Wissen über den eigenen Normalzustand ist ein unbezahlbarer Vorteil beim Abschätzen, ob man sich zugedröhnt oder schmerzgepeinigt noch weitere Probleme einhandelt. Entsprechend kann ich nur jedem raten: Merkt Euch in guten Zeiten, wie sich euer Körper anfühlt und bewegt. Hat man es einmal gelernt und frischt es regelmäßig auf, dann geht es auch im Tramadol-Rausch nicht verloren.