Schlagwort-Archive: Opioide

»Das Monster in der Ampulle«, oder der Elefant im Raum.

Im gestrigen Tages-Anzeiger erzählt Michèle Binswanger von Opiaten, Sucht, einer Betroffenen und deren gerichtlichen Streitfall. Vergisst dabei aber das Kernproblem: Schmerzen tun weh.

Was mir als Schmerzpatient in Binswangers durchaus lesenwerten Artikel fehlt ist eine Betrachtung, in wiefern Schmerz als solcher mit in ein etwaiges vorhandenes Suchtverhalten reinspielt. Man sieht es den beliebtesten Kommentaren an; »Hätte halt die Packungsbeilage lesen sollen« und »Pharmalobby!!!!« etc.. Das lässt sich leicht sagen, zielt aber am einfachen Fakt vorbei – dass es halt so oder so weh tut. Selbst wenn Ärzte und Ärztinnen Analgetika zu leichtfertig verschreiben sollten, sie machen das nicht ohne Grund.

Wenn die anonymisierte Patientin Pethidin bekommen hat, dann sprechen wir von HEFTIGEN Schmerzen. Pethidin ist noch nicht auf Morphin-Niveau, aber es ist keine Substanz, die man ohne wirklich guten Grund verschreiben würde. Für Film-Fans vielleicht als Hinweis – das ist das Zeugs, das in US-Arzt-Serien immer »Demerol« genannt wird. Das bekommt man nicht einfach so, weil man mal ein bisserl Aua hat.

Wie gesagt, Binswangers Artikel ist durchaus lesenswert. Aber mir ist der Effekt des Textes zu polarisierend: Die einen Leser werden den »bösen Ärzten« und der »Pharmalobby« die Schuld zuschieben, die anderen der »unmündigen Frau«, die »selbst Schuld« sei. Ausgeblendet wird dabei der Leidensdruck von Betroffenen. Wenn jemand so starke Schmerzen hat, dass Opioide angezeigt sind, dann haben weder der Arzt noch die Patientin groß eine andere Wahl: der Schmerz muss weg.

Wenn es im Verlauf der Therapie in eine Sucht abgleiten sollte ist das selbstverständlich schlecht, aber wie kann hier im Alltag gegengewirkt werden? Es gibt keine Schmerzmessgeräte, Ärzte können also nur aufgrund der Schilderung der Patienten und eigenen Erfahrungswerten aus der Praxis einschätzen, was angesagt wäre. Das bedingt, dass die Patienten ehrlich sind – was bei jemandem mit einer Suchterkrankung ein ganz klein wenig schwierig wird. Wir haben keine zentralen Apotheken- oder Patienten-Register; woher soll ein Arzt wissen, ob der Patient sich nicht bei drei anderen Ärztinnen mit den Medis eindeckt? Soll er grundsätzlich skeptisch sein, und gegebenenfalls unterversorgte Patienten in Kauf nehmen?

Eine einfache Antwort auf die Frage, wer Schuld an einer solchen Suchtentwicklung hat, gibt es nicht. Es ist für mich fraglich, ob überhaupt eine »Schuld« existiert, oder ob das in die Kategorie »dumm gelaufen« gehört. Ich kenne die im Artikel erwähnte Begründung des Bundesgerichts, das Verfahren abzulehnen, nicht. Aber es würde mich nicht wundern, wenn es in diese Richtung gehen würde.

Kurz: Für einen Artikel über starke Analgetika (das hyperbolische »Monster in der Ampulle«) fehlt mir überraschend viel zum Thema: Schmerzen.

Werbeanzeigen

Autogenes Training und Co.

Gerne wird versucht, die Schmerzen mental in den Griff zu bekommen. Dies geschieht vor allem zu Beginn einer Krankheit; nicht jeder will dann sofort zu Medikamenten greifen. Wie so oft bei „alternativen“ Therapien ist der Nutzen eher individuell als allgemein gegeben.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Szene aus „Fight Club“ von David Fincher, 20th Century Fox. Collage von Artoo.

Schmerzpatient_innen werfen immer wieder Meditation, autogenes Training aber auch progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder Yoga in die Gesprächsrunde. Für viele ist es eine Glaubensfrage, ob solche Methoden gegen Schmerzen wirken oder überhaupt wirken können. Meiner Meinung nach werden mentale Ansätze von Kritikern oft zu schnell in die Reiki/Homöopathie/Scharlatanerie-Schublade gesteckt.

Das Offensichtliche zuerst: Ist man entspannt, geht man anders mit Schmerz um als wenn Stress und Ver-Spannung auch noch ein Wörtchen mitreden. Auf Twitter und in persönlichen Gesprächen wurde ich nach dem Cannabis-Artikel darauf angesprochen, dass ein Teil der Wirkung sicher auch der Begleiterscheinung „Istmirdochwurst“ zuzuschreiben sei. Bezeichnenderweise tritt der Effekt auch bei starken Schmerzmitteln wie Morphinen auf. Ein früherer Arzt nannte Tramadol oft die „Scheißegal-Tropfen“. Passt.

Was ich aber auch erwähnen möchte ist: Korrekt ausgeführt bewegen Zazen, Übungen aus dem autogenen Training oder auch die progressive Muskelrelaxation durchaus etwas im Körper. Eine Beeinflussung des limbischen Systems gilt mittlerweile als gesichert. Ich frage mich zwar, wie jemand im Lärm einer MRT-Röhre seine „Mitte“ finden kann; wahrscheinlich fehlen mir dazu einfach ein paar Jahrzehnte Meditationspraxis. Aber ich schweife ab.

Wenn Chuck Palahniuk in seinem Erstlingsroman „Fight Club“ den Protagonisten in einer Krebs-Selbsthilfegruppe die geführte Meditation üben lässt ist das nicht nur ein Stilmittel. Ähnliche Kurse werden tatsächlich von seriösen Ärzten angeboten. Der Grund: Das limbische System ist Mitverantwortlicher in Sachen Endorphin-Ausschüttung. Und wie solche körpereigenen Opioide den Schmerz beeinflussen können habe ich schon an anderer Stelle GEKNUDELPUPST.

Also alles gut und toll? Nein. Denn nur in den wenigsten Fällen taugen mentale Ansätze in der Akuttherapie. Wenn sich vor einem Meeting ein Schmerzschub ankündigt kann ich mich schlecht auf den Sitzungstisch legen und eine Viertelstunde lang einen auf Jacobson machen. Wenn ich präsent sein muss, helfen auch Konzentrationsübungen aus dem autogenen Training nicht wirklich weiter.

Diese Methoden sind begleitend nützlich, um die Grund-Anspannung zu mindern oder in den Griff zu bekommen. Rheuma-Patient_innen sollten auf keinen Fall ausschließlich damit arbeiten. Auch wenn die Angst vor der „Chemie“ groß sein mag, auch wenn solche Übungen zu Beginn einer Erkrankung dem Schmerz den Stachel nehmen mögen – das Problem der möglichen Chronifizierung ist damit nicht gelöst.

Entzündungen zeigen sich vom limbischen System recht unbeeindruckt, ebenso die Nervenzellen, die den Schmerzreiz im Rückenmark registrieren. Und das Aufrüsten besagter Nervenzellen erfolgt autonom, losgelöst davon, ob man gerade mit Pinguinen durch eine Grotte schlittelt oder die innere Leere gefunden hat.

Also: Autogenes Training &Co gerne als Zusatz im eigenen Schmerz-Management einplanen. Aber der Schmerzherd selbst und eine mögliche grundlegende Krankheit müssen immer auch direkt und effektiv behandelt werden.